Retroplace: Videospielhändler Christian Corre im Interview

Retroplace: Videospielhändler Christian Corre im Interview

Der Trend ist eindeutig: Die Spieleindustrie möchte sich lieber heute als morgen von physischen Datenträgern verabschieden und Videogames ausschließlich als Downloads anbieten. Für Sammler bedeutet das den Super-Gau. Liebhaber klassischer Videospiele finden im kommenden Jahr mit retroplace jedoch eine neue Anlaufstelle im Netz. Über die Online Plattform können zukünftig Spielesammlungen verwaltet, anderen Usern präsentiert und, über einen Marktplatz, mit nur wenigen Clicks gehandelt werden. Im Januar startet die Betaphase für die sich interessierte Zocker unter www.retroplace.com/de bereits registrieren können. Wer und was genau hinter dem ambitionierten Projekt steckt verrät uns einer der Betreiber, Christian Corre Videospiele Händler aus München.

Interview und Text: Andreas Purzer

Christian, bist Du in der damaligen DDR aufgewachsen. Dort war es schwer an Konsolen und Spielemodule zu gelangen. Wann bist Du erstmals in Kontakt mit Games gekommen?

Christian Corre – Mitgründer retroplace und Eigentümer von NipponGames in München!

Am Büro PC meiner Mutter. Ein PC1715 auf dem ich ein Textadventure spielen konnte. Danach brachte mein Vater häufiger einen KC85 von der Universität mit nach Hause, auf dem spielte ich dann „Mazogs“ – was ein Port des Sinclair Spectrum Spieles war. Die richtige Leidenschaft entfachte allerdings erst der Gameboy. Die fast unerschöpfliche Menge an Spielen und Spielideen haben es mir bis heute angetan. 

Du sammelst selbst leidenschaftlich japanische Retro Spiele. Was macht für Dich die Faszination daran aus?

In Japan wurden immer wieder Spiele veröffentlicht, die man so in der westlichen Welt nicht kannte. Und es war auch immer das etwas Exotische was mich an diesen Spielen reizte. In der Schule fanden meine Kumpels „Super Mario World“ und „The Adventure of Zelda: A Link to the past“ toll, während ich mit Bonk durch verrückte Welten sprang und meine Abenteuer mit Adol in „Ys Book I&II“ erlebte, inklusive CD Soundtrack und Anime Filmsequenzen. Natürlich sieht man die Vergangenheit immer etwas verklärter, aber damals fühlten sich viele Spiele noch einzigartig an und es wurden neue Spielmechaniken ausprobiert. So etwas erlebt man heute quasi nur noch bei Indie-Releases.

Mit Nippondreams betreibst Du in München ein Ladengeschäft. Wie entstand die Idee als zweites Standbein nun retroplace zu starten?

Die Idee einen Marktplatz nur für Videospiele zu starten hatte ich bereits 2009. Allerdings kamen immer andere Projekte dazwischen. Erst gab es neben Nippondreams noch Jokerdeals, eine Dailydeal Plattform. Dann das zweite Ladengeschäft in Münchens Innenstadt,  Jokergames. Nun ist seit 2012 etwas Ruhe eingekehrt, ich betreibe „nur noch“ meinen Laden Nippondreams und es wurde auch endlich ein Programmierer gefunden, der richtig Bock auf retroplace hat.

Du sprichst es schon an. Du machst retroplace nicht alleine?

Neben mir sind noch zwei weitere Partner an Bord: Stefan Kimmlingen und Armin Hierstetter. „Kimmi“ gehört Gamenatix, ein Spieleladen in Trier und seit fast 20 Jahren die oberste Gamer-Instanz dort mit großer Fan-Gemeinde. Armin kommt wie ich aus München und betreibt mit bodalgo.com einen Marktplatz für Werbesprecher, den er selbst programmiert hat. Der Code für retroplace stammt ebenfalls aus seiner Feder. 

Börsen und Marktplätze für Retrospiele, Ebay oder auch entsprechende Facebook Gruppen existieren bereits. Wie wollt Ihr Euch von den vorhandenen Plattformen unterscheiden?

Wo fange ich da an? (lacht) Facebook ist ja erstmal nicht dafür gemacht, um Sachen zu kaufen und verkaufen. Die ganze Funktionalität dafür fehlt quasi komplett. Ebay dagegen halten wir für unverschämt teuer und zu wenig auf die speziellen Bedürfnisse für Gamer und Sammler ausgelegt. Und was die anderen Marktplätze angeht, da haben wir alle drei gedacht: Das haut uns einfach nicht um, das ist nicht gut genug. Ich meine das keineswegs überheblich, denn die Leute haben ja auch viel Arbeit reingesteckt, wovor wir großen Respekt haben. Aber wir wollen einen Marktplatz schaffen, den wir selbst auch gerne benutzen würden.

 Im Gegensatz zu diversen Hobbyprojekten hat retroplace einen professionellen Anspruch.  Wie sieht das Finanzierungskonzept aus?

retroplace finanziert sich über Provisionen verkaufter Spiele. Wir streben 7 Prozent an. Das ist einerseits günstiger als alles, was wir kennen und sichert andererseits den Betrieb der Plattform. Was mir wichtig ist: Natürlich hätten wir nichts dagegen, mit retroplace auch finanziell erfolgreich zu sein, aber das ist nicht das vorrangige Ziel. Viel wichtiger für uns ist es, dass die User sagen: „Wow – ist das cool!“ Der Rest kommt dann von ganz allein.

Erkläre Schritt für Schritt wie der Verkauf auf retroplace ablaufen wird.

Um ein Spiel zum Verkauf einzustellen, geht man in der Datenbank einfach auf die Seite des Spiels und klickt „Verkaufen“. Wenn man seine Sammlung angelegt hat, kann man auch direkt von dort einen Titel zum Verkauf anbieten. 

In einem Formular muss dann der Zustand angegeben werden – von „neu“ bis „defekt“. Ebenso ob Bestandteile des Spiels fehlen. Bei „neu“ und „wie neu“ muss alles vorhanden sein, ab Zustand „sehr gut“ dürfen unwichtige Bestandteile fehlen (aber nicht Verpackung, Anleitung oder Medium). Es gibt dann noch „gut“, „akzeptabel“ und „defekt“ mit jeweils mehr Spielraum für Beschädigungen und fehlende Teile. Wenn man in seiner retroplace-Sammlung diese Sachen schon angegeben hat, entfällt dieser Schritt natürlich beim Verkauf. Damit über die Bedeutung der Zustände erst gar keine Missverständnisse aufkommen können, werden diese immer im Formular eingeblendet.

Im gleichen Formular wird dann natürlich auch der Preis festgelegt. Ob es eine „alternativen Preisvorschlag erlauben“-Option geben wir, steht noch nicht fest. 

Und schließlich kann man Versandkosten individuell für jeden Artikel anpassen. retroplace hilft aber, indem es diese mit Angaben des Users „vorausfüllt“. In 99 Prozent aller Fälle wird das ausreichend sein. Das Spiel ist dann sofort auf dem Marktplatz verfügbar.

Möchte ein Käufer das Spiel kaufen, legt er es in den Warenkorb. retroplace fasst Artikel gleicher Verkäufer zusammen und – sofern der Verkäufer dies so eingestellt hat – berechnet ab dem zweiten Artikel desselben Verkäufers automatisch günstigere Versandkosten. Dabei erkennt retroplace, ob es sich um einen nationalen, internationalen oder weltweiten Versand handelt und kalkuliert die Versandkosten entsprechend.

Damit das funktioniert, muss der Verkäufer in seinen Voreinstellungen das Porto für die verschiedenen Versandwege (national, international, weltweit sowie Standard, versichert, Express) einmalig angeben. Durch diesen kleinen Kniff kann man den Kauf sofort abschließen, ohne auf die Versandkosten des Verkäufers warten zu müssen.

Der Käufer bezahlt den Verkäufer direkt (also ohne Umweg über retroplace) über eine der angebotenen Zahlweisen: Paypal und Überweisung werden wohl mehr als 90 Prozent ausmachen. Abschließend verschickt der Verkäufer die Ware. Das war’s.

Welche Sicherheiten bietet Ihr Käufern/Verkäufern?

Wer mit Paypal verkauft oder bezahlt, ist durch den Paypal Käufer- und Verkäuferschutz gedeckt. Aber natürlich kann retroplace keine Garantie übernehmen, wie Paypal im Einzelfall entscheidet.

Wird es ein Bewertungssystem für User geben um schwarze Schafe auszuschließen?

Selbstverständlich. Neben Bewertungen können auch kurze Kommentare abgegeben werden. Dabei hat jede Seite zwei Mal die Möglichkeit zu einem Kommentar. Dies dient dazu, um auf Reaktionen des anderen noch Stellung nehmen zu können.

 Wir werden eine sehr rigide Politik gegenüber unfairen Leuten fahren. Wer sich daneben benimmt, betrügt oder versucht sich um die Verkaufsprovisionen zu drücken, fliegt ohne Warnung raus. Und auch wenn er es wieder schafft, sich anzumelden – das Rating ist dann flöten.

Für sehr teure Spiele überlegen wir noch, einen Escrow-Service anzubieten aber diese Idee steckt noch in den Kinderschuhen. Zum Start ist dies wahrscheinlich noch keine Option.

Aktuell befinden sich bereits knapp 80.000 Spiele in Eurer Datenbank, teils sogar mit Cover-/Screenshots und detaillierten Beschreibungen. Basierend auf welchen Infoquellen wurde dieser Katalog angelegt? 

Die Datenbank und vor allem die Qualität der enthaltenen Daten hat große Bedeutung für uns. Deshalb verbringen wir sehr viel Zeit damit, die besten Daten zu recherchieren. Ist nicht immer ganz einfach, aber hier hoffen wir auch auf die Mithilfe von Usern.

Gutes Stichwort! Wie werden von Usern beigesteuerte Daten überprüft und gepflegt?

Alle Änderungsvorschläge werden zunächst von uns in einem speziellen Admin-Tool händisch geprüft, bevor sie live gehen. Auch wenn es ein riesiger Aufwand ist, anders ist es nicht machbar. Wird eine Änderung angenommen, erhält der betreffende User Punkte. Wer genügend Punkte sammelt, erhält erweiterte Rechte. So gehen Änderungen beispielsweise sofort live bzw. User können als Admin die Einträge anderer freigeben.

Bis zu welcher Generation bezeichnet Ihr Spiele aktuell als Retro, so dass sie gehandelt werden können?  

Retro ist, was bis inklusive 2000 an Hardware erschienen ist (und sämtlich Software dafür, unabhängig vom VÖ).

Neben dem Handel mit Spielen wird es auch die Möglichkeit geben seine Spielesammlung online zu verwalten. Ist dieser Service kostenpflichtig und welche Features werden hier angeboten?

Das Verwalten der eigenen Sammlung ist kostenlos und wird es auch immer bleiben. Zu den wichtigsten Features zählt eine tolle Präsentation. Es wird zwei „Views“ geben: Eine Kachelansicht fürs Auge und eine Listenansicht für die Facts.

Man wird optional den Zustand beschreiben und weitere Details hinzufügen können. Dazu noch eine Bewertung des Spiels sowie die Angabe, zu wieviel Prozent man das Spiel schon durchgezockt hat.

All diese Daten wird man auch exportieren können. Wir planen zwei Arten des Exports: Einmal als csv-Datei für komplette Selbstbestimmung, und einmal als PDF, quasi ein Katalog der eigenen Sammlung.

Ein wichtiger Faktor für Sammler ist der Austausch und das Fachsimpeln mit Gleichgesinnten. Im Gegensatz zu Spielebörsen fällt der soziale Aspekt bei einem Online Marktplatz weg. Plant Ihr dafür z.B. ein Forum zu integrieren?  

Nein, ein Forum ist derzeit nicht geplant. Es gibt ganz wunderbare (Retro-)Foren und wir möchten hier nicht in Konkurrenz treten. 

Die Anmeldung zur Betaphase ist bereits möglich. Wie ist die Resonanz bisher?

Die hat uns ziemlich umgehauen: Innerhalb von einem Tag hatten wir 200 Anmeldungen, Ende September bereits 500. Kompletter Wahnsinn. Wir freuen uns tierisch und fiebern dem Start der Beta-Phase entgegen. Ein bisschen Geduld müssen wir aber noch haben.

Neben Deutsch ist die Website zur Registrierung auch auf English verfügbar. Retroplace soll also international ausgerichtet werden?

Ja, retroplace wird in der Beta-Phase auf jeden Fall auf Deutsch und Englisch verfügbar sein, zum offiziellen Start dann zusätzlich auf Spanisch, Französisch und Italienisch.

Für wann ist der offizielle Start vorgesehen?

Armins Tochter Emma wird am 22. März 2018 zwei Jahre alt. Wäre doch ein cooler Tag, oder?

Andreas Purzer

Mitte der 80er Jahre entfachen klobige Sprites auf Sinclair und Commodore Heimcomputern seine Begeisterung für Videospiele. Seit dem Internet Boom zur Jahrtausendwende wird der Controller regelmäßig gegen die Tastatur getauscht um als freier Redakteur über Bits und Bytes zu berichten. Mögen die Reflexe nach 30 Jahren Spieleerfahrung langsam nachlassen, die Faszination für Games tut dies keineswegs.
Mitte der 80er Jahre entfachen klobige Sprites auf Sinclair und Commodore Heimcomputern seine Begeisterung für Videospiele. Seit dem Internet Boom zur Jahrtausendwende wird der Controller regelmäßig gegen die Tastatur getauscht um als freier Redakteur über Bits und Bytes zu berichten. Mögen die Reflexe nach 30 Jahren Spieleerfahrung langsam nachlassen, die Faszination für Games tut dies keineswegs.

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