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Abzû – Kunstvolle Selbsterfahrung

Unter dem Spiel Abzu konnte ich mir zunächst nichts vorstellen. Doch muss ich gestehen, nach dem Start des Spiels und dem Erscheinen des Entwicklernamens, ‘Giant Squid‘ hatten die Macher mich schon fast überzeugt, denn wie genial ist dieser Name? Bei Abzu handelt es sich um ein Tauchspiel, allerdings ohne viel Action, hat aber sein eigenes Ziel. Ob Abzu ganz oben mitschwimmen kann oder untergeht wie ein Stein, klärt unser Test.

Geschichtsstunde mal anders

Anmutige Wale gibt es zu bestaunen.

Anmutige Wale gibt es zu bestaunen.

Solltet Ihr damals das Spiel Journey gespielt haben, werden euch die Grafik und der Stil bekannt vorkommen. Kein Wunder, denn bei Abzu handelt es sich um das Werk von zwei einstigen Journey-Entwicklern. Ihr treibt in der Rolle einer Taucherin auf dem Ozean, wacht auf, orientierungslos und mitten im Nichts. Klingt nach einer Rahmenstory für einen neuen Cast away Film, ist aber der Beginn einer faszinierenden Reise durch eine lebendige Unterwasserwelt. Was für die einen gut ist, ist für die anderen wiederum schlecht. So verzichtet man im Spiel gänzlich auf Texte, Erklärungen, einen Erzähler oder Interaktionspartner – ausgenommen Fische, doch diese sprechen verdammt schlecht. Und so bleibt die Welt um euch herum zunächst ohne Namen, Informationen oder Hilfe, aber genauso ist es gewollt. Abzu soll eine individuelle Erfahrung sein, indem Ihr staunend die Faszination von verschiedenen Reizen erlebt. Zwar ist der Stil nicht jedermanns Sache, doch die präsentierte Welt wirkt nicht nur authentisch, sondern ist sehr abwechslungsreich. Ihr taucht durch Algen, vorbei an Fischen, durch alte Ruinen bis hin zum Meeresboden. Möglicherweise die letzten Überreste einer versunkenen Zivilisation – Atlantis ist in unserem Kopf.

Reine Kopfsache

Der "Bait-Ball" ist ein faszinierendes Naturschauspiel.

Der „Bait-Ball“ ist ein faszinierendes Naturschauspiel.

Man lässt uns viel Spielraum für eigene Interpretationen. Durch fehlende Informationen und eine Umwelt die zu fantasievollen Auswüchsen einlädt, fällt uns das nicht sonderlich schwer. Falls es noch nicht deutlich geworden ist, bei Abzu handelt es sich um keine realistische Tauch-Simulation in der die Wahl des O2-Gehaltes oder die korrekte Tarierung eine Rolle spielt. Einer der Entwickler und Gründer des Studios, Matt Nava, ist selbst Taucher, wollte aber auf puren Realismus verzichten und dem Spieler lieber eine kunstvolle Erfahrung bieten. Das ist nicht nur bei der Wahl des Grafik-Stils mehr als gelungen, sondern auch bei der Implementierung der natürlichen Schönheit der Tiefsee. So wurden laut den Entwicklern etliche Fische intensiv beobachtet, um das spezifische Bewegungsmuster ins Spiel zu bringen. Nicht nur kleine Fischeschwärme sorgen so für ein farbenfrohes Aufsehen. Sieht man sich Auge in Auge mit einem gigantischen Pottwal gegenüber, versteht man was Respekt bedeutet, vielleicht auch ein bisschen Angst. Mit der Frage: „Was wäre, wenn ich an der Stelle der Taucherin wäre?“, wollen wir gar nicht erst anfangen. Zusätzlich wurden viele Naturschauspiele sehr detailliert umgesetzt, doch diese lassen wir euch selbst entdecken – Ihr werdet vermutlich begeistert sein.

Weg bedeutet Erfahrung

Lasst die Farben und das Licht auf euch wirken.

Lasst die Farben und das Licht auf euch wirken.

Klingt ziemlich philosophisch, ist es auch. Denn in Abzu verzichtet man nicht nur auf einen Erzähler und andere Punkte, sondern auch gänzlich auf Aufgaben, Anweisungen oder Bedrohungen. Egal in welche noch so kleine und dunkle Höhle wir unsere Taucherin reinmanövrieren, eine Bedrohung ist es niemals. Auch Angst, unsere Protagonistin könnte sterben oder benötigt eine Harpune, kommt (leider) nicht auf. Okay, fairerweise muss man sagen, es gibt minenartige Gegenstände im Meer. Diese versetzen uns einen Stromschlag, sollten wir zu nahe kommen. Konkrete Aufgaben stellt uns das Spiel nicht, immerhin gibt es einige Rätsel, sofern man diese so nennen darf. Denn meistens endet es darin, dass Ihr einer Kette bis zum Ursprung folgt und den Start-Knopf für eine alte Maschine betätigt, fertig – der Riddler würde sich im Grab umdrehen. So wird immer klarer, der Weg ist das Ziel. Die Erfahrung, die Ihr auf diesem Weg macht, soll euch bereichern und bei anderen Dingen von Nutzen sein. Ja wir reden hier nur von einem Spiel, doch das ist der Grundgedanke hinter dem Konzept Abzu.

Spielerische Bleiente

Eigentlich bedrohliche Räuber, versprühen sie in Abzu keine Furcht.

Eigentlich bedrohliche Räuber, versprühen sie in Abzu keine Furcht.

Bis zum Schluss war ich mir nicht sicher, ob das Konzept der wortlosen Kommunikation aufgeht. Denn in Abzu finden wir, abgesehen von der Grafik, noch mehr Parallelen zum großen Bruder Journey. Hin und wieder befreien wir kleine Roboter aus dem sandigen Meeresboden. Diese freundlichen Begleiter helfen uns auch hier und da, verzichten aber gänzlich auf Wortbildungen. Immerhin wird das Sonar zum Kommunikationsmittel. Per Tastendruck aktivieren wir dieses und erhalten eine Antwort durch den Roboter. Vergleichbar also mit den Zufalls-Begleitern aus Journey. Zwar gibt es einige Errungenschaften im Spiel, so lassen sich beispielsweise Muscheln finden, Fischarten befreien oder Haistatuen entdecken. Letztere haben einen besonderen Effekt, denn an besagten Statuen könnt Ihr in einen Meditationsmodus wechseln. Ihr verlasst also die Third-Person-Perspektive und erlebt einen First-Person-Entspannungs-Blick – meditieren erlaubt. Das gleicht zwar einem bewegten Bildschirmschoner, lässt einen aber die Welt genießen und zur Ruhe kommen. Nach rund drei Stunden ist die „Kampagne“ durchgetaucht, allerdings lassen sich die einzelnen Kapitel später separat ansteuern, falls Ihr irgendwo etwas vergessen habt.

Fazit – Ein Kunstwerk mit Musik

    Wenn schon keine Interaktion in gewohnter Weise stattfindet, sollte auf jeden Fall die Musik stimmen. Diese ist in Abzu mehr als stimmig. Wurde sie doch von einem Orchester eigens für das Spielerlebnis eingespielt, untermalt sie nun gekonnt jeder der unterschiedlichen Passagen. Die zum Großteil im Hintergrund agierende Musik wird lediglich an passiven Stellen hervorgehoben. So spielt sie sich an Strömungen, also dort wo Gebietswechsel erfolgen und wir keinen aktiven Einfluss auf unsere Taucherin mehr haben, schwungvoll in den Vordergrund. Hinzu kommen die gediegenen Farben, welche an anspruchsvolle Comics erinnern oder die Dirndl-Trends von 2016 widerspiegeln. Als letzte und entscheidende Komponente ist in Abzu das Licht. Durch die dynamischen Lichtverhältnisse und den Einfluss auf die jeweiligen Farben, haben wir durch Musik, Licht und Farbgebung ein stimmiges Triumvirat, nein. Sogar ein stimmiges und kunstvolles Triumvirat. Wer sich gänzlich auf diese Welt einlassen kann, erlebt vermutlich viele schöne Stunden vor einer atemberaubenden Kulisse. Verliert jegliches Zeitgefühlt und kann im wahrsten Sinne des Wortes gänzlich abtauchen. Für alle anderen die nach Action dürsten, könnte Abzu eine kleine Enttäuschung darstellen. Spielerisch überzeugt das Spiel nur mäßig, allerdings machen es der Anspruch und der Gedanke dahinter mehr als wett. Wer Entspannung sucht und dem Alltag entfliehen möchte, sollte mit Abzu auf Tauchgang gehen.

    Positiv

    • fesselnde Grafik/Musik
    • Fokus auf Selbsterfahrung/Ruhe
    • gute technische Umsetzung

    Negativ

    • kaum Aufgaben
    • limitierter Ozean
    • zu wenig Inhalt/Story
    • keine Langzeitmotivation
    7.5