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Destiny 2: Evolution statt Revolution

Mehr Story, bessere Inszenierung, mehr (Endgame-)Content und gewohnt fantastisches Gameplay. Destiny 2 möchte das großartige Spiel werden, das alte Halo-Veteranen sich bereits vom Vorgänger erhoffte. Wir durchleuchten den MMO-Shooter von Bungie.

Aus alt mach neu

So etwa bis ins Jahr 2003 kannte ich das Wort „grinden“ vornehmlich in Verbindung mit JRPGs: „Engaging in repetitive tasks“ sagt Wikipedia dazu. Dann begannen meine wilden Jahre der Pubertät und das Urban Dictionary lieferte mir eine andere Definition des „grinding“: „When a girl is rubbing her ass all over a guys dick until it comes to the point where he gets a woody“. Liebreizend. Hätte man mich 2014 noch einmal nach meinem Senf zum Thema „Grinden“ gefragt, hätten ich und die Hälfte der Shooterspieler wohl gesagt: „Ey, was sagst du gegen Destiny??“. 2015 wiederum hätte ich den Chor der anderen 50% eingestimmt: „Grinden? Ja, man macht nix anderes in Destiny. Schon nervig, hab jetzt auch aufgehört.“

Destiny schob damals eine riesige Hypewelle vor sich her und als alter Fan des Entwicklers Bungie war ich nur allzu bereit zu glauben, dass Destiny auch in puncto Story, Inszenierung und Spieluniversum der legitime Erbe der Halo-Reihe werden würde.

Stattdessen bekam man den Grindshooter Destiny, der vielen MMO-Spielern für hunderte Stunden eine spielerische Heimat gab, es aber trotz der sehr guten DLCs nicht schaffte, die damals enttäuschten Fans zurückzugewinnen. Bei Destiny 2 sollte nun alles anders werden und die Fans sollten die eierlegende Wollmilchsau bekommen, die die Banner der Story-Enthusiasten, PvP- und PvE-Spieler vereinen sollte. Ist Bungie dieses Husarenstück gelungen?

Alle an Bord, oder…?

Vermutlich würde mir jedes der Lager zustimmen, wenn ich sage: Destiny 2 ist zu Release dem Vorgänger in allen Bereichen überlegen. Allerdings müssen Veteranen der Serie auch zunächst mal schwer schlucken. Denn innerhalb der der ersten Minuten wird der Turm – die Heimat der Hüter und damit aller Spieler von Destiny 1, in Schutt und Asche gelegt. Wir sehen die Orte, an denen wir im Vorgänger Stunden verbracht haben, um einen Raid vollzählig an den Start zu bringen oder einfach sinnfrei Minuten lang getanzt haben, in der Hoffnung einen Rave anzuzetteln, bei dem die anderen Spieler der Lobby mittanzen. In Flammen. Die Kabale greifen mit riesigen Schlachtschiffen an und nehmen den Sprecher und sogar den allmächtigen Reisenden als Geisel. Klar, dass daraufhin unser Geist zusammenbricht, alle Hüter ihre Kräfte verlieren und wir wie eine Puppe von Ghaul weggekickt werden können. Klar… oder nicht?

Bereits in den ersten Minuten müssen wir gemeinsam mit Icora um unsere Heimat kämpfen!

Ja, wer mit dem Destiny Universum vertraut ist wird den Anfang einnehmend, die Zerstörung des Turms episch, und die Verbannung des Lichts als interessantes Storyelement empfinden. Man ist sofort investiert. Wer den Vorgänger jedoch nicht gespielt hat wird in erster Linie „HÄ?“ empfinden und wissen wollen, wer, was, wo, wie und warum und muss sich ein bisschen etwas anlesen, wenn ihn die Story interessiert. Denn obwohl das Gameplay von Destiny 2 gut genug ist, dass man es auch wie ein Diablo so spielen kann, indem man alle Dialoge und Zwischensequenzen wegklickt, hat die Kampagne im Vergleich zum Vorgänger einen schönen Schritt nach vorne gemacht.

Zugegeben, Destiny 2 erzählt eine klassische „auserwählter Held gegen Bösewicht“-Geschichte, also nichts von dem wir noch unseren Enkeln erzählen werden. Aber die Story ist spannend erzählt, baut charismatische Nebencharaktere und zahlreiche Dialoge mit ein. Elemente, die in Destiny 1 schmerzvoll vermisst wurden. Zudem gestalten sich die Missionen als solche variantenreicher. Natürlich, wir sind in einem Shooter, involviert die Problemlösung das Abschießen fieser Aliens, jedoch bekommen wir in Destiny 2 auch hie und da Fahrzeugpassagen spendiert, in der wir mal (wie in Halo) aus einem unterirdischen Komplex entkommen müssen, oder mit einem Panzer eine gegnerische Basis kurz und klein schießen müssen.

„Auch ich leiste meinen Beitrag!“

In der Story reisen wir von Planet zu Planet und genießen die abwechslungsreich gestalteten Planeten. Stilistisch ist sich Destiny 2 treu geblieben, kommt zwar an die Open World Referenz Horizon: Zero Dawn nicht heran, hat aber dennoch vorzeigbare Stärken in der Präsentation der teils realistischen und teils unwirklichen Szenarien. Besonders positiv fällt dabei auf, dass selbst auf der „normalen“ PS4 die Bildrate konstant bleibt und wir wie ein heißes Messer durch die optisch prachtvolle Butter gleiten. Während ich diese Zeilen schreibe, habe ich übrigens den hervorragenden Soundtrack von Destiny 2 im Ohr, der es endlich schafft an die Klasse der frühen Halo-Kompositionen anzuknüpfen. Ruhige Stücke, etwa wenn wir auf unserem Rückzugspunkt, der Farm, sind, aufbrandende Chöre wenn ein großer Kampf bevorsteht – die Komponisten bedienen die gesamte Bandbreite. Mit ein bisschen Pathos a la Metal Gear Solid vermischt begrüßt uns das großartige Thema: melancholisch, langsam epochal werdend und spätestens wenn die Bläser einsetzen, salutiert man innerlich vor der Flagge der Hüter und ist bereit seinen Beitrag zu leisten.

Erinnert ihr euch noch an Cayde? Macht nichts, einen Charakter hat er ohnehin erst seit Destiny 2!

Und in keinem anderen Shooter macht es so viel Spaß seinen Beitrag zu leisten wie in Destiny 2. Das Gunplay ist überragend gut und schafft es, die Formel aus dem ersten Teil noch weiterzuentwickeln. Der Ablauf aus Deckung suchen, Gegner aus weiter Entfernung ausschalten, Springen, Waffenwechsel, Einsatz von Skills, Melee Angriff, Deckung suchen (…) ist ein Loop, der tatsächlich für Dutzende Stunden motiviert und spielerische Befriedigung verschafft. Mit jeder Waffengattung erfahren wir fantastisches Trefferfeedback, einen satten Waffensound und Abwechslung.

Destiny 2: Varianz ist relativ

Weitere Würze bringen die drei verschiedenen Hüterklassen. Veteranen könnten hier etwas enttäuscht sein, da mit dem Titan, Hunter und Warlock die gleiche Auswahl besteht wie in Destiny 1. Zusätzliche Varianz bieten jedoch jeweils 3 Subklassen. Im Verlauf der Story erhalten wir als zufälliges Loot bestimmte Insignien, durch die wir nach Absolvieren einer Miniquest die neue Unterklasse freischalten. Diese unterscheidet sich dann in ihren Skills von den anderen Subklassen und im Besonderen im Super, einer verheerenden Spezialattacke.

Ein Titan etwa verwandelt sich als Sentinel in eine Art Captain America, der ein Schild in Defensive und Offensive nutzt (und es selbstredend auch schleudern kann), der Stürmer wird von Elektrizität durchströmt, rennt unaufhaltsam nach vorne und erzeugt mit Schlägen auf den Boden eine zerstörerische Druckwelle und der Sonnenbrecher schließlich bedient sich am geistigen Eigentum eines anderen Marvel-Helden und wirft an Thor erinnernde Hämmer auf seine bedauernswerten Opfer.

Brocken, wie dieser Kabal-Offizier, erwarten euch zuhauf – gerne mit erhobener Schrotflinte

Vereint mit den anderen Hüterklassen können sich so interessante Kombinationen ergeben, in denen der Titan eine beschützende Barrikade für Alle heraufbeschwört, der Warlock mithilfe seines Heilfeldes das Team in Deckung wieder auf Vordermann bringt und der Hunter sich unsichtbar hinter feindliche Linien schleicht, um dem Gegner in den Rücken zu fallen. Die Unterschiede sind insgesamt groß genug und die Super-Skills spaßig und mächtig – für Kenner des ersten Teil fallen die Skilltrees und Klassen jedoch etwas mickrig aus.

Auch die Gegnervielfalt werden Spieler von Destiny 1 und Neueinsteiger völlig verschieden bewerten. Neue Alienrassen sucht man in Destiny 2 nämlich vergeblich. Das allein wäre in Ordnung wenn man ein glaubwürdiges, konsistentes Universum haben möchte. Doch auch die vorhandenen Völker haben kaum nennenswerten Zuwachs bekommen. Zwar gibt es jetzt auch Kabale mit Flammenwerfern und natürlich neue Bosse, aber das war es schon an neuem Gegnerdesign im Vergleich zum Vorgänger. Das ist tatsächlich sehr dünn.

Wer mit Destiny 2 erst einsteigt, wird sich über mangelnde Abwechslung bei den Gegnern jedoch nicht beschweren können. Vier verschiedene Alienrassen mit jeweils unterschiedlichen Gegnertypen, die alle eine etwas andere Strategie erfordern, ist mit Sicherheit nicht wenig. Und da es genügend Shooter in Umlauf gibt, in denen sich KI-Gegner nur marginal in ihrer Bewaffnung unterscheiden, kann man sich nicht beschweren wenn sich auf einem Schlachtfeld große Roboterspinnen, riesige Zyklopen mit Laseraugen, flinke, unsichtbare Schwertschwinger und explodierende Zombies tummeln.

Der Untergang der Heimat markiert den Anfangspunkt der Suche nach einer neuen.

Nach der Kampagne, und dann?

Neben der Kampagne wurde auch darauf geachtet, dass der Rest der Open World belebter wirkt und genügend Unterhaltung bietet. Die aus dem Vorgänger bereits bekannten Patrouillen, in denen wir einfach bestimmte Crafting-Materealien finden, oder Gegner killen müssen, sind ebenso auch in Destiny 2 mit von der Partie, wie die Public Events. In letzteren wird beispielsweise nach einem Countdown irgendwo in der Open World einer der angesprochenen Spinnenroboter ausgesetzt, sodass sich die Spieler aus der Gegend zusammentun müssen, um das Biest vom Angesicht des Planeten zu pusten.

Neu hinzugekommen sind jedoch die Nebenquests, die auf den Namen Abenteuer hören und eben mehr sind als nur bloßes Farmen. Zusammengenommen haben sie in etwa den Umfang der Kampagne und unterfüttern die Story mit kleineren Aufträgen, die für sich genommen jedoch oft besser sind als Hauptmissionen aus Destiny 1. Im Dialog mit einem NPC auf dem jeweiligen Planeten gibt dieser uns Aufträge wie Versorgungstrupps zu überfallen, elektrischen Störungen nachzugehen (die sich dann vermutlich als Hexenproblem entpuppen werden), mit Minen einen Hinterhalt zu legen, oder auch mal einen großen Boss zu legen

Abseits der Kampagne und diesen Nebentätigkeiten, die man auch als einsamer Wolf problemlos erledigen kann, eröffnen sich die wahren Herausforderungen von Destiny 2 nur dem Multiplayer. Die Kampagne kann im Koop gespielt werden, angefangen mit den Strikes kommen wir nun aber auf den sozialen Teil von Destiny 2 zu sprechen. Diese profitieren sehr von dem neuen Matchmaking-System. Selbst wenn ihr vom Wesen eher Typ Lone Wolf seid, könnt ihr euch hier einfach 2 zufällige menschliche Spieler als Kompagnons zuweisen lassen, um die kleinen Dungeons mit Boss genießen zu können. Destiny 2 hat sein Fleisch jedoch in erster Linie im Endgame.

Wenn ihr, wahrscheinlich ziemlich zügig, das Maximallevel von 20 erreicht habt, ist das Spiel mitnichten vorüber. Analog zum Lichtlevel aus Destiny 1, ist euer Ziel nun, euer Powerlevel zu erhöhen. Dieser errechnet sich aus der Stärke eurer ausgerüsteten Waffen und Rüstungsteilen. Ein hoher Powerlevel ist eure Eintrittskarte zum Endgamecontent und ist zum Glück einfacher zu erhöhen als das Lichtlevel des Vorgängers. Denn Destiny 2 spendiert euch bei all euren Aktivitäten Loot das sukzessive stärker wird, damit euren Powerlevel anhebt und damit enorm motiviert. Wenn ihr erstmal die Schallbarriere von Powerlevel 260 durchbrochen habt, seid ihr stark genug, um an den sogenannten Dämmerungs-Strikes teilzunehmen – wöchentlich wechselnden, besonders harten Versionen der Strikes. Das gewöhnliche Matchmaking -System ist hier außer Kraft gesetzt. Dennoch können auch clanlose Spieler teilnehmen. Per Guided Games-Matchmaking setzt ihr euch auf eine kleine Warteliste und werdet automatisch Clans zugelost, deren noch Mitglieder zur Bewältigung des Strikes fehlen. Andersherum können Clans, so kurzfristig ihr Fireteam vervollständigen.

Ein zusätzlicher Schwierigkeitsgrad in den Dämmerungs-Strikes besteht im Zeitlimit. Zwar könnt ihr den Countdown durch gewisse Aktionen, wie dem Besiegen bestimmter Gegner und Aktivieren von Portalen verlängern, ausschalten könnt ihr ihn jedoch nicht. Dadurch sind Teams, die sich absprechen und gemeinsam eine optimale Route erarbeiten, die verfügbaren Elementarbuffs nutzen und eine Strategie für die Bosse verfolgen ungemein im Vorteil. Angenehmer Nebeneffekt des Countdowns für Entwickler Bungie: Cheesy Tactics gegen die Strike-Bosse sind nun nahezu unmöglich.

Der Zucker im Kaffee, die Kirsche auf der Sahne, der fünfte Stern im Restaurant ist der Raid. Der Leviathan-Raid ist so gut designed, so spannend inszeniert und so fordernd, dass er das optimale Ziel darstellt, auf dessen Bewältigung man hinarbeiten möchte. Ohne viel zu spoilern, möchte ich allen Spielern doch raten, die Powerlevelspirale so lange zu reiten, bis ihr durch die goldenen Hallen wandeln und euch der härtesten Herausforderung in Destiny 2 stellen könnt. Das Endgame ist für einen Shooter also durchaus ansprechend. Für ein MMO hingegen – und zwischen diesen beiden Polen bewegt Destiny 2 sich ja – ist durchaus noch Luft nach oben und vermehrt hört man in der Community Unkenrufe, dass man schon länger auf Maximallevel sei, das Beste Loot zusammen und daher keinen Grund mehr habe, sich einzuloggen. Bis ihr an diesen Punkt kommt vergehen jedoch viele, viele Spielstunden.

Zu guter Letzt bliebe da noch der PvP-Modus. In 4v4 Matches und allerlei Modi begegnen sich die Hüter hier auf dem Feld der Ehre. Levelvorteile sind für diese Scharmützel deaktiviert, eure Skills und die Eigenheiten eurer Waffen bleiben jedoch in Effekt. Daraus ergeben sich höchst kurzweilige und sofern man sich abspricht auch taktische Gefechte, für die man am Ende, wie könnte es auch anders sein, auch mit Loot beschenkt wird. Zwar gibt es einen neuen Spielmodus im Vergleich zum Vorgänger, indem wir im Geiste von Counter-Strike eine Bombe platzieren, die der Gegner entschärfen muss und die Matches sind nicht länger 6 vs. 6, jedoch hat sich auch beim PvP-Modus von Destiny 2 nicht wirklich viel verändert. Und wie auch bei dem PvE-Part des Spiels ist das zwar etwas enttäuschend, aber auch nachvollziehbar, da die Formel einfach gut funktioniert.

Fazit:

Man merkt Destiny 2 an, dass der Creative Director der exzellenten DLCS zu Destiny 1 nun der Hauptverantwortliche ist. In Destiny 2 habe ich endlich das Destiny bekommen, dass ich immer haben wollte. Ob dies eine überwältigende Nachricht ist, muss jeder Spieler für sich entscheiden. Denn einerseits bedeutet dies, dass sich am Gameplay, der Notwendigkeit des Grindings und an den Waffen und Gegnern nicht viel verändert hat. Andererseits bedeutet das, dass ein Shooter mit nahezu perfekter Shootermechanik jetzt eine zufriedenstellende Kampagne und zahlreiche Detailverbesserungen vorzuweisen hat. Die Kulisse vor dem Hintergrund des epochalen Soundtracks wirken zu lassen, das Rätsel um exotische Waffen lösen, mit einem Freund durch die Kampagne fegen: Destiny 2 bietet sehr viele rundum befriedigende Momente.

Das hervorragende Gunplay und das extrem motivierende Loot-System sind die Mechanismen, die den Spieler primär unterhalten und bei der Stange halten sollen – und das klappt sehr gut! Als PvE-Spieler, der mit kompetitivem Gaming nicht viel am Hut hat, wurde ich großartig unterhalten und blieb so lange dabei, dass ich am Ende dann doch „social“ werden wollte, um auch den Endgame Content genießen zu können – und wurde auch hier wieder belohnt!

Positiv

  • deutlich verbesserte Kampagne & Storyelemente
  • beispiellos gutes Gunplay
  • höchst motivierendes Lootsystem
  • exzellenter Soundtrack
  • sehr atmospärische Welten

Negativ

  • kaum neue Gegnertypen
  • Grinding notwendig
  • für Einsteiger verwirrend und sperrig
9