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Deus Ex: Mankind Divided – Augmentiert durch das dystopische Prag.

Eine altehrwürdige Serie geht in die nächste Runde. In Deus Ex: Mankind Divided wird die Geschichte rund um den augmentierten, ehemaligen SWAT-Agenten Adam Jensen weiter gesponnen und versucht Fragen aufzuwerfen, die Teile unserer Gesellschaft bereits heute beschäftigen und in vielen Bereichen ihre Schatten vorauswerfen. Ob die Square-Enix’sche Rechnung aufgeht?

Lang ist’s her

Was war das Allererste Deus Ex für eine Spielspaßgranate. Dass vor 16 Jahren für PC – 2 Jahre später dann für Konsolen – veröffentlichte Meisterwerk von Ion Storm, strotzte dank seiner damals recht einzigartigen Mischung aus Egoshooter und Rollenspielelementen nur so vor Spielspaß. Kein Wunder, mit Warren Spector war ein Urgestein der Pen&Paper Rollen- und Videospielszene mit an Bord. Dessen 1994 veröffentlichter Hit System Shock – eine Remastered Version wurde via Kickstarter finanziert, sollte man im Auge behalten – legte bereits schon Jahre vorher den Grundstein für den innovativen Genremix. Frei erkundbare Spielumgebungen, komplexes Charaktersystem, zig verschiedene Herangehensweisen,  eine intensive Geschichte inklusive einer weltumspannenden Reise brachten unsere damals noch jungen Spielerherzen zum schmelzen. JC Denton war definitiv einer der Helden des Jahres 2000. Das gilt leider nicht für den vier Jahre erschienenen Nachfolger Invisible War, die Story war schrottig, das Spiel zu kurz, weniger komplex und, als Trierer muss ich das einfach mal gesagt haben: Leute, was war das mit der Porta Nigra für ein schlechter Scherz?

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Danach war es lange ruhig um Deus Ex, bis 2011 schließlich – schlappe 7 Jahre später – mit Deus Ex: Human Revolution ein weiterer Teil der Erfolgsserie erschien. Anstatt die Klon- und Verschwörungeschichte einfach fortzuführen, schlug der Publisher Square Enix – die Rechte an Deus Ex wurden mit der Übernahme von Eidos im Jahre 2009 übertragen – einen anderen Weg ein. Mit dem Ex-Agenten Adam Jensen betrat ein frisches Gesicht die göttliche Tribüne, 25 Jahre vor JC  Dentons Geschichte zeigt Human Revolution den Aufstieg und gleichzeitig auch den Untergang des augmentierten Teils der Menschheit. Dieser schlüssig begangene Weg konnte auch viele Spieler überzeugen, lediglich die recht wirren und aus dem Spielfluss reißenden Bosskämpfe standen hart in der Kritik und gaben einen Einblick in die manchmal doch etwas seltsamen Wege der AAA-Spielentwicklung.

Weiter geht’s

Und damit sind wir auch wieder im Heute angelangt. Ende August erschien mit Deus Ex: Mankind Divided der von vielen Fans sehnsüchtig erwartete Nachfolger. Der augmentierte, ehemalige Sicherheitschef von Sarif Industries, Adam Jensen spielt auch hier wieder eine tragende Rolle und führt die in Human Revolution begonnene Geschichte weiter.

SQEX präsentiert uns die komplexe Vorgeschichte in einem mehrminütigen, umfangreichen Video. Eine ähnliche Vorgehensweise würde ich mir auch von anderen Spielserien wünschen. Ich bin wohl nicht der Einzige, der nach wenigen Wochen (optimistisch eingeschätzt) keine Chance mehr hat, die Geschichte mit all Ihren Details und Facetten zu rekapitulieren. Ich wusste so gut wie nichts mehr, beunruhigend.

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Im Vorfeld der Veröffentlichung gab es auch einige, nicht ganz uninteressante Aktionen seitens Square Enix. Gemeinsam mit Open Bionics wurde eine spezielle Armprothese entwickelt. Die Vorlage kann frei herunter geladen und, falls verfügbar, auf einem 3D-Drucker ausgedruckt werden. Nach meinem Empfinden etwas over-the-top und überzogen, kann und darf man natürlich geteilter Meinung sein, dürfte auch der Sinn und Zweck einer solchen Aktion sein.

    Neben der Vorgeschichte ebenfalls recht ungewöhnlich, komfortabel aber auch dezent unnötig: Man kann wählen, ob man Mankind Divided mit dem neuen Steuerungsschema oder mit der Tastenbelegung des Vorgängers spielen möchte. Ich rate zum Neuen, nach einer ca. 30-minütigen Eingewöhnungsphase hatte ich keinerlei Probleme mehr und Herr Jensen rutschte, schlich, krabbelte, fiel, ballerte und starb sich problemlos durch das offene, hervorragend gezeichnete Einführungslevel. Die während des „Opti Zwischenfall“ des Vorgängers verwüstete Hotelanlage in Dubai lädt in einer beeindruckenden Kulisse direkt zum Erkunden ein. Die zum Start noch recht ungewohnte Steuerung via Stickcklicks und dem längeren Drücken von Buttons geht schnell in Fleisch und Blut über. In der PC Version lassen sich außerdem alle Tasten frei belegen. Steuerung, Check! Läuft.

    Und jetzt geht es dann auch endlich mal richtig los…

    Der Einstieg lässt Großes erahnen, leider kommt die Reise – so viel muss hier leider gespoilert werden – danach etwas ins Stocken. Nach Abschluss der Einführungsmission kommen wir, stimmungsvoll über eine Zugreise in Szene gesetzt, in Prag, unserer neuen Heimatstadt, an und verbringen dort zukünftig auch den Großteil unserer (Erkundungs-) Zeit. Von den großen Reisen des ersten Teils und den komplexen, beeindruckenden Szenarien des Vorgängers ist nicht ganz so viel übrig geblieben. Mankind Divided spielt sich lokaler, von den Schauplätzen her wesentlich beengter, auch wenn die Zeichnung der dystopischen Zukunftsvision in den wenigen Gebieten außerhalb der tschechischen Hauptstadt beeindruckt und insgesamt gut funktioniert.

    Prag konnte man auch noch nicht absonderlich oft in Videospielen begehen, zumindest nicht das ich wüsste, die Entscheidung mag recht ungewöhnlich erscheinen, ist aber hervorragend umgesetzt und spielt sich aufregend frisch. Ebenfalls interessant in Szene gesetzt ist der schwelende und kurz vor der Eskalation stehende Konflikt zwischen dem augmentierten und normalen Teil der Menschheit. Die Ghettorisierung und die damit verbundene Isolation der technisch veränderten Menschen nimmt harte Formen an. Die Angst nimmt ständig zu und ist in vielen Bereichen spür- und hörbar. Jensen gehört sehr offensichtlich zum augmentierten Teil und wird auf den Straßen Prags und natürlich auch außerhalb mit spürbarem Unbehagen begegnet. Polizeikontrollen an den U-Bahnstationen, diese verbinden einzelne Missionsgebiete, gehören zur Tagesordnung und bauen eine unbehagliche, gefährliche Atmosphäre auf. Die Entwickler spielen hier mit der für die meisten Spieler fremden Sprache und den mächtigen, technisch-faschistoid wirkenden Rüstungen der Wachen.

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    An dieser Stelle ein kurzer Diskurs: Die von Mankind Divided angesprochene Thematik passt natürlich hervorragend in unsere heutige Zeit. Angst vor Andersartigkeit, Veränderung und Terror spielen einigen extremen Kräften gerade in die Hände. Wir sind hier natürlich kein politisches Medium und haben alle unsere individuellen Ansichten. Die Frage, die sich mir jedoch stellt: Kann und darf es die Aufgabe eines offenen Mainstream Videospiels sein, solche Fragen aufzuwerfen und Querverbindungen zu ziehen? Ist es aufgrund des wertungsfreien Spielprinzips und der individuellen Möglichkeit der Herangehensweise – ob wir den Konflikt möglichst friedlich oder unter dem Einsatz von Waffengewalt lösen, ist uns überlassen – überhaupt eine Option?

    Zurück nach Prag: Architektonisch hervorragend in Szene gesetzt, jedoch nicht wirklich lebendig. Die Bewohner sind recht statisch positioniert, das knabbert etwas an der ansonsten gelungenen Atmosphäre. Hier wären etwas dichter und abwechslungsreicher bevölkerte Straßen wünschenswert gewesen.

    Was Jensen kann…

    Über einen etwas holprigen Storykniff, das kennen wir auch von anderen Titeln, wird uns das notwendige Neuerlernen unserer Fähigkeiten erklärt. Einen Vorgeschmack gab es jedoch bereits in der Einführung, dort konnten wir noch auf das volle Repertoire zurückgreifen. Hier macht Deus Ex jedoch einiges richtig, und wenn ich mich richtig entsinne, auch besser als der Vorgänger. Dank der Qual der Wahl lässt sich das Spiel offen erkunden und die Missionen sehr vielfältig angehen.

    Nach einer gewissen Zeit entwickelt man ein Gespür für die unterschiedlichen, wiederkehrenden Elemente des Leveldesigns. Dieser Ansatz fühlt sich dabei jederzeit gewollt an und gibt einem nach und nach das Gefühl der Kontrolle über die eigene, gewünschte Herangehensweise. Spielerisch kommt Mankind Divided dem ersten Teil näher als seine Vorgänger. Vorsichtig durch die Level schleichen? Kein Problem! Als Adam „Rambo“ Jensen durch die Level durchmoshen, mit den richtigen Fähigkeiten, läuft! Für jeden Spielertyp sind passende Augmentierungen verfügbar.deusex_mankinddividedps4_pro_1473436035

    Hacker können sich über ein, zugegebenermaßen etwas banales, Minispiel, in die unzählig in der Spielwelt verteilten Rechner eindringen und z.B. Geschütztürme und Kameras übernehmen oder auch nur E-Mails lesen. Wer keine Lust darauf hat, kann das hacken aber auch über ein Item einleiten oder eben einen anderen Weg finden, um beispielsweise eine Tür zu öffnen bzw. in den Raum zu kommen.

    Eine Vielzahl an unterschiedlichen Waffenarten lässt sich recht flexibel erweitern, Munitionstypen on the fly – hier funktioniert die neue Steuerung hervorragend – wechseln. Wer experimentieren möchte, ist bei Mankind Divided genau an der richtigen Stelle.

    Kudos an die Entwickler, wenn jetzt die Spielwelt wieder so vielfältig und die Hauptstory weniger banal daher kommt, wäre ich vollkommen zufrieden.  

    Was Jensen nicht kann…

    Bereits schon angedeutet: Die Hauptgeschichte flacht circa ab der Hälfte der Spielzeit recht massiv ab. Viele Mysterien bleiben auch am Ende (nach dem Abspann dran bleiben!) ungelöst. Einige der interessanteren Charaktere und Storyelemente werden nur angedeutet oder verblassen viel zu schnell. Vielleicht ist dies dem offenen Spielsystem geschuldet oder einfach auch nur eine etwas misslungene Taktik, um die Spielerschaft auf DLC und potenzielle Nachfolger einzustimmen. Die Nebenmissionen machen insgesamt eine etwas bessere Figur. Wer kleine, schlüssige und zum Teil recht spannend inszenierte Geschichten mag, ist dort wesentlich besser aufgehoben.

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    Ebenfalls weniger gelungen ist der zu starke Fokus auf Prag. Die Idee, die Handlung in der tschechischen Hauptstadt spielen zu lassen ist eine spannende Alternative zu den Hubs anderer Spiele. Die zu Anfang ungewöhnliche Umgebung wird jedoch recht schnell dezent langweilig und spielt in Rotlichtvierteln & Co. mit typischen und etwas ausgelutschten Klischees. Dazu kommt noch der erzwungene Uhrzeit- und Wetterwechsel – hier bitte beim nächsten Mal dynamisch bleiben – und der allzu offensichtliche Paradigmenwechsel im letzten Viertel des Spiels. Hier wären frischere und passendere Ansätze wünschenswert, beim nächsten Mal dann… hoffentlich.

    Dann übrigens bitte auch ein etwas besseres Qualitätsmanagement beim Sound: Der Wechsel zwischen Cutscene und InGame Dialog funktioniert überhaupt nicht, bei der Ankunft am Bahnhof verstand ich ärgerlicherweise kein Wort.

    Was sich noch versteckt…

    dxmd-breach_2016_06_08_e32016_online_04_1465371449Da gibt’s ja noch was! Den Breach Mode! Vollkommen losgelöst vom Hauptspiel, lässt sich vom Hauptmenü aus der separate Modus starten und spielen. In einzelnen VR Simulationen kann man hier als Hacker Ripper wertvolle Informationen von den Servern großer Konzerne entwenden. Einen Vorgeschmack auf Breach erhält man während einer der Missionen des Hauptspiels. Ob man sich davon über das Ende der Geschichte hinaus unterhalten lässt, bleibt fraglich.

    Was ich noch sagen wollte..

    Als ich die Zeilen schreibe, habe ich die PS4-Version des Spiels bereits vor ca. 2 Wochen beendet und seit dem auch nicht mehr angefasst. Deus Ex bietet sich natürlich dafür an, mehrfach gespielt zu werden, insbesondere an einer Stelle ist der mögliche Twist sehr offensichtlich und die Entscheidung wird sich spürbar auf den Ausgang auswirken. Daneben lassen sich viele Teile vollkommen unterschiedlich lösen und einige Elemente wird man erst in einem zweiten vielleicht sogar dritten Durchgang zu Gesicht bekommen. 

    Ich bin jedenfalls froh, dass etwas Zeit verstreichen konnte und ich das Spiel erst jetzt rekapituliere. Direkt nach dem Durchgang war ich zuerst enttäuscht. Als „Storyzocker“ bleiben mir zu viele Fragen unbeantwortet und zu viel Potential ungenutzt. Die Spielwelt an sich ist hervorragend in Szene gesetzt, auch wenn hier und da noch etwas mehr Feinschliff notwendig gewesen wäre, daran lag es also nicht. Nach ungefähr der Hälfte überkam mich aber dieser unbequeme „Durchspielzwang“, vielleicht ist der euch ebenfalls bekannt? Die anfängliche Neugierde nahm urplötzlich ab, anstatt zu schleichen habe ich mich im letzten Drittel quasi nur noch ohne Rücksicht auf Verluste durchgeballert, um möglichst schnell die Endsequenz und den (unbefriedigenden) Abschluss der Geschichte zu Gesicht zu bekommen. Hätte ich es direkt nach dem Abspann beurteilen müssen, wäre die Wertung nicht ganz so positiv ausgefallen.

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    Dank der erneuten Beschäftigung mit der Materie ist mir wieder stärker bewusst geworden, dass der neueste Deus Ex Ableger schon einige Sachen verdammt richtig und gut macht. Die Stärke liegt im komplexen und einfach funktionierenden Leveldesign sowie den damit einhergehenden, offenen Erkundungs- und Spielmöglichkeiten. Jeder Spieler wird zumindest im Ansatz seine eigene Geschichte erleben und genau das macht Titel wie Mankind Divided interessant und einzigartig. Da kann man die Unzulänglichkeiten in anderen Aspekten zum Teil unter den Tisch fallen lassen.

    Wenn SQEX diesen Weg konsequent weiterverfolgt, werden vielleicht die nächsten Teile meine Vorliebe für dystopische Zukunftsvisionen (ansonsten eigentlich ein hoffnungslos verblendeter Utopist) vollständig befriedigen. Mal schauen, was uns der bereits angekündigte DLC bringt und ob dort vielleicht noch einige Geschichten sinnvoll aufgelöst werden. Wünschenswert wäre es, auch wenn ich es lieber im Hauptspiel gesehen hätte. Vielleicht hätte man auch besser die in Breach investierte Energie in das Hauptspiel gesteckt. Warum man diesen Weg gegangen ist, will sich mir nicht so wirklich erschließen.

    Bei den Aktionen wäre – meine persönliche Meinung – weniger etwas mehr gewesen: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Die Open Bionics und Live Action Video Aktion mit politisierendem Hintergrund sind mir einfach etwas zu viel des Guten. Diese Aufgabe sollte man besser anderen Medien und Institutionen überlassen.

    Trotz alldem: Deus Ex: Mankind Divided ist spielenswert und eventuell einfach mal eine Pause einlegen, wenn man merkt, das man im Moment übersättigt ist.

    Wer übrigens mehr über Deus Ex wissen möchte, besucht die offizielle Website. Freunde mobiler Unterhaltung dürfen sich Björns Deus Ex Go Review zu Gemüte führen!

      Positiv

      • abwechslungsreiches Gameplay
      • unzählige Lösungswege
      • zum Teil tolle Atmosphäre
      • sehr schöne, kleine Nebengeschichten
      • gelungene Einführung

      Negativ

      • fade Hauptstory
      • wenig Schauplätze
      • Prag zu statisch
      8

      In den wilden 80ern am Grünmonitor eines Schneider CPC 6128 aufgewachsen. Erste Gehversuche mit ASM, Happy Computer und PowerPlay. Hobby über die Jahre, dank ausgeprägter Amiga 500 Sucht, sowie massiver Sonic Raserei auf dem heiß geliebten Sega Mega Drive, intensiviert. Züchtet gerade erfolgreich die nächste Zockergeneration und kann, trotz annähernd biblischen Alters, noch immer keinem Controller widerstehen.

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