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Emergency 2016 – Feuer & Flamme oder Pest & Cholera?

Von Jan-Henrik Walter am 20. November 2015

In Emergency 2016 zeigen sich uns Münchner Oktoberfestbesucher & Kölner Pestkranke in ihrer besten Hilfslosigkeit. Nach alter Emergency-Manier übernehmen wir die Rolle des Einsatzleiters und arbeiten uns mit Plan und Strategie durch die verschiedensten Groß- und Kleineinsätze rund um Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst.

Emergency 2016 ist praktisch Emergency 5 Deluxe mit einer neuen Kampagne, neuen Großeinsätzen, neuem Mittelalterszenario und neuen Einsatzeinheiten. Von besonderem Interesse ist hier das Mittelalterszenario, welches uns die Pest 1349 in Köln erneut erleben lässt. Als von der Situation absolut überforderte Pestdoktoren nehmen wir hier im Vergleich zum restlichen, technisch hochversierten Einsatzkommando der Emergency-Reihe eine eher kontrastreiche Position ein.

emg2016

So gut sieht Emergency 2016 leider nicht immer aus.

Die Unfälle und Szenarien, die wir als Einsatzleiter koordinieren, reichen dabei von tragisch und spannend bis eher humorvoll. (Einen Drachenflieger, der wankend in die Münchner Frauenkirche fliegt und dabei einen Hot-Dog-Stand abfackelt, können wir beim besten Willen nicht ernst nehmen.)

Leider häufen sich spielstörende Bugs: Bereits das Tutorial meint es zu gut und verbietet manuelle Kamerabewegungen, um mich nicht direkt mit der Vielzahl komplexer Funktionen zu überlasten. Leider läuft die vorprogrammierte Kamerafahrt nicht richtig ab, sondern lässt mich 100m vom Einsatzort entfernt auf die Straße starren, während meine Einsatzleitung dort erwartet wird, wo ich dank der Limitierungen nicht hinschauen kann.
Auch der Einstieg in das Kölner Pestszenario lief nicht reibungsfrei und verbat jegliche Interaktion mit den Einheiten, bevor ein Neustart das Problem regelte.

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Der Polizist mit dem Megafon hält die Passanten davon ab, Schabernack zu veranstalten. Leider kommen diese so nah, dass er sich durch die Blockade nicht mehr von der Stelle rühren kann.

Sollte Emergency 2016 aber einmal ins Rollen kommen, zeigt sich die Schönheit der Spielmechanik: Es geht wie in allen Emergency-Spielen um Micro-Management und Fingerspitzengefühl. Jede Einheit funktioniert in den Missionen wie ein kleines Rädchen, dass seine Aufgabe genaustens kennt, aber vom Spieler koordiniert werden muss.

Diese Challenge ist gut gestaltet. Die Spielmechanik selbst läuft reibungslos. Dabei macht es Spaß die richtigen Schritte in der korrekten Reihenfolge einzuleiten, auf unvorhergesehene Komplikationen zu reagieren oder einfach nur den Feuerwehrmännern bei den Löscharbeiten zuzusehen.

Hier entsteht tatsächlich so etwas wie Spannung, die auch nicht dadurch getrübt wird, dass in den „realistischen“ Umgebungen nicht ein Fußgänger oder Auto unterwegs zu sein scheint. Neben liebevoll gestalteten Gebäude, Bäumen, Flüssen und Straßen fehlt leider jede Spur von Leben. Tatsächlich hat man das Gefühl, dass Autos grundsätzlich nur auf den Straßen zu sehen sind, wenn sie gerade einen Unfall bauen. Auch Fußgängern fehlen komplett, wenn sie nicht gerade aus einem brennenden Gebäude gerettet oder erstversorgt werden wollen.

Das SEK-Team begibt sich mit Hilfe von Robotern in den Nahkampf.

Das SEK-Team begibt sich mit Hilfe von Robotern in den Nahkampf.

Nichtsdestotrotz hat Emergency 2016 seinen Reiz. Gerade die Großeinsätze sind tatsächliche Herausforderungen, die mit entsprechender Planung angegangen werden müssen, in denen aber auch spontane Entscheidungen gefragt sind. Für komplexe Momente kann hier aber auch die Zeit verlangsamt werden. Die Spiel-Spannung wird durch die schmalspurige Frage genährt, ob ein Brand oder eine Situation unter Kontrolle zu bringen sind, oder ob die  Eskalation wahrscheinlicher ist – außerdem natürlich dadurch, ob wir das Rettungsteam neben den Zivil-Verletzten möglichst vollständig nach Hause bringen können.

Leider werden wir immer wieder aus dieser Immersion herausgerissen. Einheiten auf dem Spielfeld blockieren sich grundsätzlich gegenseitig und die Wegfindung der AI ist im Spielerkopf nur eine weitere Herausforderung, die in die Planung mit einbezogen werden muss. Da für jeden Verletzten auch bei Großeinsätzen ein eigener Krankenwagen für den Abtransport benötigt wird, stauen sich gerade die Fahrzeuge in den Szenarien auf absurdeste Art und Weise. Autos fahren zum Glück keine Kurven, sondern biegen im 90° Winkel ab, was die Blockierungen wenigstens ein bisschen auflockern kann.

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Einsätze wie dieser lassen sich verhältnismäßig schnell abfertigen – wirklich spannend sind nur die Großen.

Dennoch: Wir passen uns an, gehen die Probleme des Spiels durch, wissen wie die Fahrzeuge sich stapeln werden und planen mit entsprechend Raum voraus. – Schön wäre es nur, wenn Emergency 2016 alle unsere Befehle diesbezüglich akzeptieren würde. Tatsächlich kommt manchmal das Gefühl auf, dass Interaktionen im Nichts verschwinden. Dann stellen sich Fragen wie: Hatte ich diese rettungsbedürftige Person nicht längst abtransportieren lassen? Sollte dieses Fahrzeug nicht schon in der Basis sein? Warum blieb der Feuerwehrmann mitten im Brandherd stehen?

Emergency 2016 wertet sich vor allem durch die angenehmen Sprecherrollen auf. Während die Synchronisation unseren Einsatzbegleiters aber wirklich gut veront ist und man dem Herren gerne zuhört, sieht die pixelgewordende Repräsentation leider sehr zahnlos und zäh animiert aus. Dabei wirkt sie wie viele andere Stellen im Spiel: roh.

Kreatives Zerstörungspotential: Mit dem WorldBuilder können wir unsere eigenen Szenarien entwerfen und teilen.

Kreatives Zerstörungspotential: Mit dem WorldBuilder können wir unsere eigenen Szenarien entwerfen und teilen.

Sollten uns die vorgefertigten Szenarien nicht ausreichen, können wir zum World-Builder greifen und unsere eigenen Emergency 2016 – Szenarien entwerfen. Diese können wir dann mit Freund (und/oder Feind) teilen. Die Maps können genauso wie auch die Original-Szenarien auch im Multiplayer gespielt werden, der aber nicht alle der verfügbaren Einheiten enthält.

Emergency 2016 ist ein tolles Spiel. Die Mechanik gefällt mir, ich lerne eine Menge über die Möglichkeiten des deutschen Rettungswesen und bei allen Bugs und Hemmungen schafft es das Game trotzdem Spannung und eine Art Mitfiebern aufzubauen.

Bei allem Potential wirkt Emergency 2016 aber leider sehr unfertig. Das liegt an schlechter Wegfindung. Das liegt an schlechtem Interaktionsdesign. Das liegt an lahmenden Animationen. Und das liegt an Bugs, die den Spielfluss maßgeblich beeinflussen. Aber ja: Wenn man sich auf diese Dinge einlässt und die Probleme einfach wie weitere Herausforderungen angeht, kann man mit Emergency 2016 Spiel, Spaß und Spannung haben.

Positiv

  • Packende Großeinsätze
  • Innovatives Pestszenario
  • Tolle deutsche Synchronisation
  • Nahtlose Spielmechanik
  • World-Builder

Negativ

  • Wegfindung aus der Hölle
  • ... mit wenig Handlungsspielraum
  • Altbackene Animationen
6.5