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Far Cry 5 im Test: Schießbude in Outlaw Country

Überlebensgroße Antagonisten, eine Open World in denen es ewig viel zu tun gibt und eine gesalzene Prise Schießpulver. Far Cry geht in die nächste Runde. Erhält Far Cry 5 das Erbe der Serie oder schlägt Ubisoft eine neue Richtung ein?

Far Cry 5 – Wir durchschreiten Eden’s Gate

Nach der Südsee, Himalaya und der Steinzeit – Far Cry 5 goes U.S.A.. Nach diesen exotischen Settings wirkt der beschauliche aber vergleichsweise unspektakuläre Nordwesten der Vereinigten Staaten konservativ. Als Junge vom Land hat an direkt das Gefühl sich auszukennen. Hier ein Traktor zur Feldarbeit, dort die Berge mit Nadelwaldbestand und am Horizont sagen sich Grizzlybär und Puma Gute Nacht. Es ist wirklich schön in Hope County, Montana. Wenn da nicht dieses lästige „Aber..“ wäre.

Denn unter dem Banner des Predigers Joseph Seed hat sich die fanatische Sekte Eden’s Gate gebildet, die das Couny im Würgegriff hält. Wer sich der Herde nicht freiwillig anschließt, wird vom Schäfer mit Gewalt dazu gezwungen. Hier kommen wir ins Spiel. Gemeinsam mit sage und schreibe zwei anderen Polizisten und einem US-Marshal fliegen wir in das Krisengebiet und versuchen Joseph Seed zu verhaften. Für alle Beteiligten unerwartet, misslingt dieser Plan. Die Festnahme schlägt fehl und als einsamer Deputy versuchen wir uns nun alleine im Outlaw Country durchzuschlagen. Anders als in den Vorgängern ist unser Protagonist nicht vorgegeben, sondern kann im (eher rudimentären) Charaktereditor selbst gebaut werden. Damit haben wir als Hauptperson keine Hintergrundgeschichte, außer dass wir der „Rookie“ sind.

Positiv gesprochen, ist das eine Neuerung. Wir erinnern uns. In Far Cry 3 wurde unser Bruder von Antagonisten-Legende Vaas erschossen und unsere Freunde gefangen genommen. Wir bauen eine Rebellion auf. Gekauft. In Far Cry 4 wollten wir eigentlich nichts anderes als die Asche unserer Mutter in ihrem Heimatland verstreuen. Diktator Pagan Min hält das Land jedoch als Geisel und regiert mit eiserner Faust. Wir bauen eine Rebellion auf. Okay. In Far Cry 5 schlägt eine zum Misserfolg verdammte Verhaftung fehl. Unsere Arbeitskollegen verschwinden. Statt mit einem der zahlreichen Flugzeuge, Helikopter oder auch Autos das County zu verlassen, bauen wir eine Rebellion auf. Schwierig.

    Natürlich ist es beinahe sträflich an eine Videospielhandlung mit Logik heranzugehen.  Das verstehe ich schon. Aber als unser Konföderierter mir im Brustton der Überzeugung ausbreitet, dass ich keine andere Wahl habe als einen Widerstand zu gründen, musste ich schon lachen. Zu unseren Kollegen haben wir keinerlei emotionale Bindung. Und im Gegensatz zu den Vorgängern, ist es auch nicht so, als wären wir einsam unter Piraten. Oder auf dem Himalaya in einem souveränen Staat. Wir sind in Montana. Und immerhin bei der Polizei. Das Ganze wirkt dadurch wirklich arg konstruiert. Und zwar nicht im Sinne von „Aristoteles hätte es aber anders geschrieben“, sondern im Sinne von „Schwarzenegger hätte es aber anders gespielt“.

    Identitätsprobleme

    Tonal und im Plot weiß Far Cry 5 nicht was es sein will. Natürlich kann nicht jeder Titel ein Grand Theft Auto sein: Völliger Wahnsinn, Sozialkritik, Satire und Spaß in einem Spiel. Wo sich Feuilleton und 12jährige YouTuber gleichermaßen ihre Rosinen rauspicken können und es trotzdem ein homogenes Ganzes ergibt. Aber im Bereich Open World gibt es da eigentlich nichts, was es nichts gibt. Komplett sorglos und beschwingt wie ein Just Cause 3 oder auch Far Cry: Blood Dragon. Eher ernsthaft und vom Setting getrieben wie Horizon: Zero Dawn oder meinetwegen noch Watch Dogs (1). Far Cry 5 hat viele gute Ideen in verschiedenen Tonlagen, versucht aber gleichzeitig ein paar Schritte in jede Richtung zu gehen und funktioniert deswegen für mich am Ende gar nicht. Stattdessen wirkt der Ton in Far Cry 5 eher wie ein Buffet nach einer wilden Essenschlacht anzugtragender Clowns: Ein komplettes Durcheinander trotz vielversprechender Komponenten. Dadurch, dass man sich für keine tonale Ausrichtung entscheiden konnte, wirken Ausreißer in beide Richtungen befremdlich.

    So gäbe  es genügend Ansätze aus Far Cry 5 ein Spiel mit ernsthaftem Setting zu machen. Denn die Prämisse hat etwas Beklemmendes. Dass religiöser Fanatismus dieser Tage totale Aktualität besitzt, muss an dieser Stelle nicht buchstabiert werden. Ebenso wenig, dass das trump’sche Amerika irre viele Ansatzpunkte für Kritik bietet. Im vergangenen Jahr bestanden mutmaßlich 80 % der Beiträge in amerikanischen Late Night Shows aus Geschichten über Trump und wie dadurch den westlichen Gesellschaften der Spiegel vorgehalten wird. Und wenn man in Far Cry 5 mit Folter, Mord an Familien und Gehirnwäsche konfrontiert wird, hätte das das Potential, stark wirken zu können.

    Far Cry 5

    Wenn ein Bild „Schießbude!“ ruft, dann wohl dieses.

    Daraus wird leider nichts gemacht. Die Sekte ist eine Bande von Irren, die in Modefragen von Hipstern aus Berlin beraten wurden. Und ihre vermeintlich eindringlichen Monologe bleiben bis auf ein paar Ausnahmen leider auf dem Level oberflächlicher Wrestling-Promos. Auch die Idee neben Joseph Seed drei sekundäre Bösewichte zu installieren, ist eine gute. Umgeht man so den Druck, dass Far Cry immer diesen einen, überragenden Antagonisten haben muss. Bis man die Story abgeschlossen hat, landet man jedoch gefühlt fünf Mal in den Händen dieser Bösewichte, ohne etwas dagegen unternehmen zu können. Also viel zu oft. Und jedes Mal entkommt man aufs Neue, auch wenn es um uns herum nur Mord und Todschlag gibt. Wir werden immer verschont. Das ist schade, zieht es den Antagonisten doch spürbar die Zähne.

    Konterkariert werden diese ernstzunehmenden Ansätze immer wieder und das selten in gutem Ton. Unser NPC-Begleiter, Marke typischer Hillbilly, raunt uns von der Seite zu, wie gerne er mal gepflegt Beischlaf praktizieren würde (Wortwahl leicht abgewandelt) während wir über die Leichen exekutierter  Menschen steigen. Oder unsere Aufgabe, Gefangene vor systematischer Folter zu befreien wird „aufgelockert“ durch eine Suche nach Alien-Artefakten. Oder eben durch die schon fast berüchtigte Quest, in der wir Stierhoden für das jährliche Testikelfest beschaffen müssen. Nicht nur müssen wir dafür drei Stiere töten und ihnen die Genitalien abschneiden. No, Sir. Wir müssen sie erschießen, während sie sich paaren (während Sexual Healing über die Boxen dröhnt), in Brand stecken und zu Tode schreddern.

    Nochmal: Das kann man in einem Videospiel schon mal machen. Wenn man es entsprechend einbettet und im besten Fall noch etwas damit aussagen möchte. Oder wenn man den Goat Simulator programmiert und einfach batshit-insane sein möchte. Alles cool. Aber in dieser Mixtur hätte es eine Meute von Tarrantinos und Rockstar-Leveldesigner benötigt um daraus eine stimmige Gesamterfahrung zu schreiben. In Far Cry 5 können wir weder die Ernsthaftigkeit, noch die verrückten oder albernen Momente richtig fühlen.

    Das Spiel ist eine Achterbahn

    Jetzt habe ich in erschöpfender Länge dargelegt, warum Far Cry 5 in Atmosphäre und Storytelling kein Meisterwerk ist. Die Stichpunkte sind: Story ist Banane, Protagonist austauschbar, der Ton ist völlig neben der Spur. Trotzdem ist Far Cry 5 beileibe kein schlechtes Spiel. Nur würde ich sagen, muss man es auf eine ganz bestimmte Art und Weise spielen.

    Far Cry 5

    Mein Lieblingsbegleiter in Far Cry 5 in Aktion: Boomer apportiert eine Knarre.

    Die Zwischensequenzen sind unterhaltsam und sollten angeschaut werden, die Dialoge (eigentlich sind es ja immer Monologe) kann man aber guten Gewissens wegklicken. Das funktioniert übrigens ganz fantastisch. Wann immer wir eine Quest erhalten, können wir den Monolog des NPCs per Tastendruck abkürzen. Dieser reagiert dann sogar darauf, spart sich lange Erklärungen und sagt so etwas wie „Jaja, schon gut. Geh zu der Statue und jag sie in die Luft!“. Ignoriert die Story.

    Dann haben wir nämlich so etwas wie ein Open World Call of Duty in richtig schöner Szenerie. Und das Beste: Wir können unseren Begleiter nicht nur von der KI, sondern auch im Koop von einem Freund steuern lassen. Normalerweise nehme ich diese Option ungern wahr, da ich mich auf die Story konzentrieren möchte, oder die Herausforderungen des Spiels alleine lösen, oder auch nur die Landschaft genießen will. Nicht so bei Far Cry 5.

    Zwar wäre die Landschaft es durchaus wert, Wanderungen oder auch an den Bergseen Angelausflüge zu machen. Aber die Gegner in diesem Spiel lassen einen einfach nicht in Ruhe. Manchmal fühlt man sich als hätte man in Left 4 Dead versehentlich einen Wagen mit Alarmanlage beschossen, sodass Zombiemassen auf einen zu rennen. Ständig kommen Vans voller Hillbillys, völlig verstrahlte Sektenmitglieder oder wilde Tiere auf mich eingeströmt. Wenn man auf der Straße entlang fährt, könnte man alle 30 Sekunden Geiseln befreien, Besitztümer des Kults hochjagen oder Außenposten stürmen. Eigentlich muss man die Waffe nie wegstecken und am besten kommt man von A nach B wenn man einen Kumpel hat, der oben im MG-Nest eines Jeeps hockt und den Abzug umarmt. Es gibt in Far Cry 5 nicht nur einiges zu tun und zu erleben, man wird regelrecht dazu gezwungen. Blöd dabei: Nur beim Host der Koop-Partie wird der Spielfortschritt gespeichert, der Partner schaut in die Röhre.

    Zwar ist Far Cry 5 nicht so ein guter Shooter wie Call of Duty, dafür gewinnt es an anderen Fronten seine Schlachten. So wie wir bei CoD mit Belobigungen und Beförderungen bombardiert werden, schalten wir durch das absolvieren von Herausforderungen in Far Cry Perks frei. Diese sind teilweise richtig lohnenswert (Enterhaken, Wingsuit, Fallschirm), teilweise zu vernachlässigen (Schweißbrenner). In jedem Fall gibt es jedoch 50 von ihnen, sodass wir aktiv versuchen, Herausforderungen zu bewältigen, was der Abwechslung im Gunplay zu Gute kommt. Zudem sorgen die unterschiedlichen Begleiter dafür, dass verschiedene Spielstile unterstützt werden. Der Bär, der aus irgendeinem Grund Cheeseburger heißt, ist ein ausgezeichneter Tank. Der Hund Boomer markiert für uns Gegner. NPC Charaktere haben andere Stärken: So gibt es etwa einen Agrarpiloten der Luftangriffe fliegen, oder eine Bogenschützin, die lautlos Feinde eliminieren kann.

    Die KI hat jedoch auf Freundes- wie Feindesseite ihre liebe Mühe. Man kann taktisch vorgehen und zu Beginn Gegner lautlos mit Pfeil und Bogen ausschalten und die Körper verstecken. Aber irgendwann kommt man doch zum Schluss, dass Far Cry 5 seine Stärken im Chaos hat. Denn die besten Momente hat Far Cry 5 immer in unfreiwillig komischen Momenten. Sektenfanatiker, die sich selbst überfahren. Begleiter, die wir aus Versehen sprengen und quer durch das County katapultieren. So etwas eben. Wenn wir uns dem Chaos hingeben, ist Far Cry 5 spitze. Wenn wir nach und nach abhaken, was die Open World zu bieten hat, ist Far Cry 5 spitze. Aber mehr ist es für mich leider nicht geworden.

    Fazit:

    Man kann mit Far Cry 5 einen Haufen Spaß haben, wenn man mit den richtigen Erwartungen in das Spiel geht. Am besten funktioniert der Titel, wenn ihr in kleinen Dosen häppchenweise zu euch nimmt. Nach der Arbeit, jeden Tag eine Stunde genossen, funktioniert das Spiel wunderbar und hat sich deswegen seine gute Wertung verdient. Fragt nicht nach, warum ihr XY tut, macht einfach. Lasst auch mal ein paar Geiseln auf dem Weg links liegen, es kommen noch genügend andere. Fahrt auf Jet Skis und düst mit Flugzeug und Wingsuit herum. Findet jemanden, der mit euch im Koop zockt und den es nicht interessiert, dass der Spielfortschritt für ihn nicht gespeichert wird. Dann werdet ihr viel unkomplizierten Spaß mit Far Cry 5 haben.

    Das Problem ist nur: Es wirkt so, als sei der Titel eigentlich nicht (nur) so gedacht gewesen. Das Setting rund um die Sekte Eden’s Gate hätte eine Menge Potential geboten. Und hin und wieder wird auch versucht eine Stimmung zu erzeugen wie in Bioshock: Infinite. Oder man versucht sich an Gesellschaftskritik a la GTA. Und hier scheitert Far Cry 5 auf ganzer Linie und kann sich überhaupt nicht entscheiden, was es will. Man hätte atmosphärisch-spannend oder albern-skurril sein können, stattdessen kannibalisieren sich die Ansätze gegenseitig und man bleibt als Spieler total distanziert. Fast so als ob jemand ohne Kenntnisse in Filmschnitt versucht hätte, Texas Chainsaw Massacre, American Pie, Being John Malkovich und Fast & Furious zu einem Blockbuster zusammen zu mixen.

    Auf ähnliche Weise steckt man sich auch selbst einen Stock zwischen die Speichen wenn es um die Landschaft geht. Diese ist eigentlich wunderschön designed und lädt zum Erkunden ein. Nur leider wird man von der KI nie in Ruhe gelassen und kann, überspitzt formuliert, keine 100 Meter Auto mit dem Auto zurücklegen ohne 4 Geiseln, 8 Sektenmitglieder und den eigenen Hund über den Haufen zu fahren.

    Weitere Reviews findet ihr hier

    Positiv

    • schönes Montana lädt zum Erkunden ein...
    • zahlreiche Nebentätigkeiten und Sammelobjekte...
    • interessantes Setting...
    • spaßiger Koop...

    Negativ

    • ...Gegner prasseln nur so auf uns ein
    • ...vielleicht schon zu viel los
    • ...mit leider sehr wirrem Ton
    • ...Koop-Partner erhalten keinen Spielfortschritt
    7.5