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Hearts of Iron IV – Was wäre wenn? Strategie trifft Geschichte.

Von Kevin Köhler am 21. Oktober 2016

Strategie und Geschichte gehören zusammen wie Bananen und Nutella. Das ist das Motto des inzwischen vierten Teils der Hardcore-Strategie-Reihe aus dem Hause Paradox. Ob auch Genre-Neulinge zugreifen sollten, klärt unser Test.

    Wie wäre wohl der Zweite Weltkrieg verlaufen, wenn Frankreich vor dem Krieg in den Kommunismus abgerutscht wäre? Wie sähe Europa aus, wenn Deutschland und die Sowjetunion gar ein Bündnis aus ihrem Nichtangriffspakt gemacht hätten? Oder wenn die USA vor dem Zweiten Weltkrieg eine antiimperialistische Politik betrieben und einen Konflikt mit dem britischen Empire vom Zaun gebrochen hätten? Oder noch schlimmer: Das Vereinigte Königreich wäre durch den Dema­gogen John Beckett faschistisch geworden und hätte im Krieg für die Achsenmächte Partei ergriffen?

    Viele Drehbuch- und Romanautoren haben sich über diese “Was wäre wenn”-Szenarien den Kopf zerbrochen. Und auch auf viele Hobby-Historiker und Geschichtsinteressierten üben solche Gedankenspiele eine unheimliche Faszination aus. Der ein oder andere unter euch, hat vielleicht solche Fragen schon im kleinen Kreis bei ein paar Bierchen debattiert. Seid ihr dabei auf keinen grünen Zweig gekommen? Dann könnt ihr diese Fragen mit Hearts of Iron IV, zum Glück nur virtuell, beantworten. Denn die inzwischen fast 15 Jahren alte Strategiereihe Hearts auf Iron, aus dem Hause Paradox Interactive, geht nun in die vierte Runde.

    Hearts of Iron IV

    Forschung ist nun deutlich übersichtlicher.

    Einsteiger brauchen Geduld

    Während die bisherigen 3 Titel im Kern dieselben Mechaniken behielten, bringt der vierte Teil die meisten Neuerungen der Seriengeschichte mit sich und versucht vor allem einsteigerfreundlicher zu sein. Das Interface wurde übersichtlicher gestaltet, dem Spieler wird zum Kommandieren KI-Hilfe zur Seite gestellt und der Forschungsbaum ist deutlich entschlackt worden.

    Kann man Hearts of Iron IV nun also als leicht zugänglich zu bezeichnen? Mit Sicherheit nicht! Zwar gibt es nun ein sehr bemühtes Tutorial, doch ohne viele Stunden büffeln im Handbuch oder ausführliche Let’sPlays – etwa über die Vorzüge der neuen Armee-Doktrinen – steht man trotzdem im Regen. Bevor man dann wirklich den Überblick über Ressourcen,  Armee, Politik und Forschung gewonnen hat, vergehen mindestens rund 20 Stunden und selbst dann lernen wir hier und da immer noch etwas dazu. Lohnt es sich soviel Zeit zu investieren nur um ein Spiel richtig zu lernen?

    Hearts of Iron IV

    Schlachtpläne erleichtern die Planung großer Feldzüge für neue Spieler.

    Kein Spiel für Jedermann

    Die Antwort ist ein absolut eindeutiges: Kommt drauf an! Wer komplexe Strategiespiele mag, an Geschichte interessiert ist und auch dem Szenario etwas abgewinnen kann der wird erstaunt sein wie glaubwürdig und realistisch Hearts of Iron IV wirkt. Wer hingegen vom Thema Zweiter Weltkrieg abgeschreckt wird oder nichts mit Tabellen anfangen kann, wird hier keinen Spaß haben. Denn anders als bei anderen Titeln aus dem Hause Paradox ist Hearts of Iron IV keine Sandbox, sondern eher ein Szenario.

    Am Ende läuft alles auf den globalen Konflikt des Zweiten Weltkriegs hinaus den der Spieler als ein beliebiges Land entweder auf der Seite der Alliierten oder der Achsenmächte gewinnen soll. Es gibt keine diplomatische Lösung und auch keine grundsätzlich andere Ausgänge. Jede Menge Variation ja, aber der Kurs ist grundsätzlich vorbestimmt. Das heißt auch, dass man in einer Partie zwar sehr stark vom tatsächlichen Geschichtsverlauf abweichen kann, man aber nicht aus einem kleinen Staat wie Luxemburg oder Costa Rica eine Supermacht machen kann.

    Grand Strategy

    Nationale Schwerpunkte beeinflussen sehr stark wie sich eine Nation spielt.

    Ein guter Plan ist die halbe Miete

    Was bietet Hearts of Iron IV, abgesehen von aufpolierter Grafik neues? Nun zum Einen lassen sich Schlachtpläne direkt auf der Karte schmieden. Dafür stellen wir einfach Armeegruppen zusammen und bestimmen einen General für die Truppe. Dann entscheiden wir uns für eine Front und Marschrichtung. Dann sehen wir auf der Übersichtskarte Pfeile, die uns eine Übersicht über die beteiligten Divisionen gibt und zudem in welcher Reihenfolge die Generals-KI versuchen wird Provinzen einzunehmen. So müssen wir nicht mehr jeder einzelnen Division Angriffs- und Bewegungsbefehle geben und können uns auch in einem chaotischen Zweifrontenkrieg gegen die Feinde behaupten.

    Zum zweiten bietet Hearts of Iron IV mehr Möglichkeiten durch die sogenannten “nationalen Schwerpunkte”. Jedes Land verfügt über einen Fokusbaum, allerdings erhalten nur die historisch bedeutenden einen komplett individuellen. Dieser verleiht zum Einen Boni für bestimmte Forschungen, zum Anderen beeinflusst er auch die Außenpolitik eines Staates. So kann man beispielsweise mit Italien eine Annäherung an Ungarn oder Griechenland beschließen, was mittelfristig zu einem Bündnis führt. Auch gibt es Foki, die zu einem Krieg gegen eine bestimmte Nation führen. Dabei gibt es auch stark ahistorische Möglichkeiten wie die Vereinigten Staaten gegen Kanada in den Krieg zu führen. Die nationalen Schwerpunkte sind sehr gut ausgearbeitet und funktionieren ausgezeichnet um einer Nation unterschiedliche Spielweisen zu erlauben.

    Fazit:

    Ich bin hin- und hergerissen. Ich mag komplexe Strategiespiele mit historischem Setting und ich liebe den Paradox-Ansatz der dies beides vereint. Hearts of Iron IV hat eigentlich alles was das Global-Strategieherz begehrt. Es ist ein ausgefeiltes, sehr komplexes Spiel von enormer Spieltiefe, was viele Möglichkeiten bietet und sinnvolle Neuerungen wie die Schlachtpläne und nationale Foki mitbringt. Doch damit diese Art von Spiel wirklich Spaß macht, muss man sich in die Zeit und in das Szenario hineinversetzen können und daran Spaß haben. Und das will mir beim Zweiten Weltkrieg nicht so recht gelingen. Vielleicht ist es noch zu nah oder das Kapitel für Deutschland einfach zu finster, aber so richtig einfinden kann ich mich in dieses Setting nicht. Das heißt nicht, dass Hearts of Iron IV ein schlechtes Spiel ist, ganz im Gegenteil: Das Spiel funktioniert sehr gut in dem was es sein will und man kann damit sicherlich dutzende, wenn nicht hunderte Stunden Spaß haben. Dazu braucht man aber nicht nur Geduld beim Einstieg, sondern auch die Bereitschaft sich auf das Szenario einzulassen. Daher eine Empfehlung mit Einschränkung.

    Positiv

    • Mehr als 100 spielbare Lände
    • Hohe Komplexität und Tiefgang
    • Glaubwürdige Umsetzung des Szenarios
    • Schlachtplan und KI-Generäle helfen Einsteigern

    Negativ

    • Hohe Lernkurve
    • Interface teils schwer verständlich und teils unnötig komplex
    7.5

    Seit 2013 bei Gamers.de und Zocker mit Leib und Seele. Anfangen auf dem (original) Game Boy, nun seit fast 20 Jahren am PC. Früher vor allem Shooter, heute vor allem Strategie und Indie Games.