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Madden NFL 17 – Das Dark Souls der Sport-Simulationen

Von Ole Oetjen am 13. September 2016

Passend zum Start der neuen NFL-Saison haben wir uns mit dem Flaggschiff der Football-Simulationen auseinandergesetzt. Madden NFL 17 von EA Sports ist das wohl komplexeste Sportspiel im Portfolio von Electronic Arts – aber ist es auch das Beste?

Madden NFL 17 – beste Voraussetzungen

American Football erfreut sich auch in Deutschland wachsender Beliebtheit. Vergangene Saison gab es für Fans hierzulande erstmals immerhin ein Spiel pro Woche im Free-TV zu sehen und der Super Bowl erzielt Einschaltquoten wie der Domino Day in den 90er Jahren.

2016/17 könnte für die NFL ein noch erfolgreicheres Jahr im Land der Dichter und Denker werden.  Fußballfans, die DAZN abonniert haben, bekommen Amerikas Volkssport Nummer 1 mit ins Wohnzimmer geliefert und Super Bowl-Partys kommen in der Mitte der Gesellschaft an.

Brr, es ist kalt hier drin…

..singen nicht nur die Cheerleader im Box-Office-Erfolg „Girls United“. Denn wer als Nicht-Footballfan das erste Mal Madden startet, wird direkt ins kalte Wasser geworfen. Fast fühlt man sich wie bei seinen ersten Minuten in Demon’s Souls. Noch ehe sich der gemeine Sport-Tourist im Hauptmenü gemütlich umsehen kann, findet er sich in den letzten 3 Minuten eines laufenden Matches wieder. Das Team liegt 7 Punkte zurück – wenn wir keinen Touchdown erzielen, ist das Spiel verloren. In dieser Drucksituation übernehmen wir die Kontrolle und bekommen einen Crashkurs in Sachen Football. Wir führen die vorgeschlagenen Spielzüge durch, alternieren zwischen Lauf- und Passspielzügen und nähern uns so sukzessive der gegnerischen Endzone. Irgendwie schaffen wir das Unmögliche: Mit einem waghalsigen Pass durchbricht unser Quarterback die Defense, unserem Wide Receiver wachsen Flügel und die 6 Punkte gehören uns – wir sind nur noch einen Punkt hinten.

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Die Qual der Wahl für jeden Quarterback

Ein Blick auf den Coach an der Seitenlinie. Er reckt uns Zeige- und Mittelfinger entgegen  und signalisiert damit: Two-Point Conversion. Sekt oder Selters. Statt mit einem leichten Field-Goal einen Punkt zu erzielen, um das Unentschieden zu sichern, sollen wir versuchen in den letzten zehn Sekunden ein weiteres Mal in die Endzone zu gelangen. Auf diese Weise würden wir zwei Punkte erhalten und damit den Sieg klar machen.

Das Team versammelt sich um den Quarterback. Versuchen wir ein weiteres Mal einen Pass? Oder geben wir den Ball dem selbstbewussten Running Back in der Hoffnung, er möge die gegnerische Verteidigung in Grund und Boden sprinten…? Das Team blickt uns fordernd an: Es liegt an uns zu entscheiden, wie wir das All-In Manöver angehen…

I understand Bahnhof

Ein guter Teil der deutschen Leserschaft hat nun womöglich eine hübsche Anzahl Fragezeichen über dem Kopf. Football-Fans dagegen fragen sich vermutlich nur, warum man als Schreiberling so etwas Basales wie eine Two-Point Conversion erklären muss.

American Football, auch wenn auf dem Vormarsch, liegt den Deutschen längst nicht so in der DNS wie Fußball. Wenn jemand zum ersten Mal FIFA oder Pro Evolution Soccer spielt, muss das Spiel ihm meistens nur beibringen, wie er die Spielzüge in seinem Kopf auf dem Gamepad umsetzen kann.  Madden hingegen muss den Kopf der deutschen Zielgruppe jedoch erst einmal mit Wissen füllen. Wer mag, kann sich ja mal spaßeshalber die grundlegendsten Spielzüge auf Wikipedia anschauen, sich einen Kaffee aufsetzen und anfangen zu büffeln.

Wer noch nie ein Football-Game gespielt, geschweige denn ein Match gesehen hat, für den wird der Weg zum Spielspaß in Madden ähnlich hart, wie ein Spaziergang durch die Defense der Denver Broncos. Aus diesem Grund ist das Tutorial in Madden NFL 17 nicht nur schmückender Kompletismus, sondern ein Muss. Hier werden einem zunächst die absoluten Basics beigebracht: Wie werden die Positionen in der Offense und Defense bezeichnet? Wie werfe ich einen Pass, fange einen Ball, komme an einem Gegner vorbei?

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Auf dem Trainingsplatz werden Neulinge einige Zeit verbringen müssen

Mit diesem Wissen kann man sich auf ein leichtes Match gegen die KI einlassen, bevor man in den weiterführenden Drills des Tutorials seine Fähigkeiten weiter verbessert und sich mit der Taktik beschäftigt. Football ist nicht einsteigerfreundlich, Madden versucht aber sein Möglichstes, Spieler unabhängig von Vorerfahrungen ins Boot zu holen. Ich möchte jedoch jedem Sportfan raten, die zwei bis drei Stunden „Grundausbildung“ mitzunehmen – ihr werdet es nicht bereuen!

Ist es nicht kaputt, repariere es nicht!

Anders als sein Cousin FIFA bleibt Madden der Ignite-Engine treu. Einen grafischen Quantensprung kann man also im Vergleich zur Vorjahresversion nicht erwarten. Optisch gehen die Veränderungen demnach nicht über verbesserte Lauf- und Gesichtsanimationen, ein verbessertes Publikum und einen generell höheren Detailgrad hinaus. Clippingfehler und eine manchmal unsaubere Kollisionsabfrage sind dem Spiel erhalten geblieben. Diese sind jedoch zu keinem Zeitpunkt wirklich störend und dienen eher der Bewusstmachung, dass hier noch Luft nach oben ist.

Eine auffällige Neuerung zeigt sich in der KI und der Dynamik im Spiel. War das Passspiel im Vorgänger noch deutlich überlegen, schafft Madden NFL 17 das Kunststück, die Balance zwischen den Spielzügen wieder herzustellen. Passend dazu kommen nun die Stärken der verschiedenen NFL-Teams besser zum Tragen. Die Titans suchen ihr Heil in Rushes, die Chargers passen wie eine geölte Maschine und die Patrots, wenn auch ohne Tom „Deflate-Gate“ Brady, sind offensiv generell eine Macht.

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Der Onside Kick darf in keinem Playbook fehlen

Der Teufel im Detail

Um das Laufspiel zu stärken, wurden nicht nur Verbesserungen an den Animationen vorgenommen, sondern auch den Gameplay-Mechaniken. Ein Spieler im Ballbesitz kann versuchen mit geschickten Finten am Verteidiger vorbeizukommen. In einem Minigame werden Manöver wie eine Pirouette oder ein Sprung über den Verteidiger empfohlen, welches wir innerhalb kürzester Reaktionszeiten auslösen können. Hat uns der Tackle dennoch erwischt und zieht uns nach unten, können wir in einem QTE versuchen, noch ein paar Yards wieder gut zu machen.

Die Stärkung des Groundgames tut Madden außerordentlich gut und erhöht die Varianz der attraktiven Spielzüge. Puristen werden diese Idee, die sich ein wenig vom reinen Simulationscharakter der Serie entfernt womöglich skeptisch sehen, aber vermutlich zustimmen, dass der Spielspaß von den Neurungen profitiert, und ein pralles Playbook ein gutes Playbook ist.

Im Gegenzug hat auch die Defense eine kleine Renovierung erhalten. So können die Spieler nun direkt hinter einem Passempfänger stehend, einen Fumble-Versuch unternehmen. Was jedoch wirklich ins Gewicht fällt sind die besseren Laufwege der Defense, die nun besser definierten Zonen effektiver zulaufen können und eine verbesserte Zuordnung. Gegenüber einer veränderten Mechanik bei den Field-Goals, steht nun auch die Möglichkeit, mit der Defense die Kicks blocken zu können – super!

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Auf Knopfdruck ist ein Verteidiger nicht mehr als eine Hürde

Build the Franchise

Entscheidend bei einem Sportspiel ist entgegen der alten Fußball-Weisheit jedoch nicht nur „auf dem Platz“ sondern auch daneben. Bei den Spielmodi hat EA gute Arbeit geleistet. Der beliebte Modus Draft-Champions wurde nicht „kaputt gepatched“, sondern komplett übernommen. Der Ultimate Team-Modus hat das aus FIFA bekannte Feature der Team-Chemie spendiert bekommen.

Damit floss der Aufwand der Entwickler in den Franchise-Modus. Als Eigentümer, Coach oder einzelner Spieler einer NFL-Truppe seid ihr hier für den Erfolg des Teams verantwortlich. Besonders motivierend ist die Umstellung des XP-Systems. Um einen Athleten zu entwickeln muss man nicht ausschließlich auf den Trainingsplatz Gas geben. Stattdessen wird man auch für besonders gut gelungene Spielzüge in den Matches mit Erfahrungspunkten belohnt.

Diese müssen nun auch nicht mehr in Gänze gespielt werden. Es gibt die zusätzliche Option, nur Defense oder Offense zu spielen oder, für Spieler die sich primär um die Langzeitentwicklung des Franchise kümmern wollen, den „Play the Moments“-Modus, wo wir nur in spielentscheidenden Situationen eingreifen  so wie in der Einleitung zu diesem Artikel skizziert.

Fazit

Madden NFL 17 ist das beste NFL-Spiel auf dem Markt. Der Titel ist nicht nur ohne ernstzunehmende Konkurrenz, sondern auch auf so einem hohen Niveau, dass es für andere Publisher kaum einen Sinn macht, in einen Nebenbuhler zu investieren.

Wer sich bereits mit American Football auskennt, wird mit Madden NFL 17 eine reiche, komplexe Simulation bekommen, die für Monate Spielspaß beinhalten kann. Dafür sorgen die Verbesserungen der Engine, der KI und Gameplay-Elementen wie den Laufspielen. Verpackt in motivierende Modi wie Ultimate Team und allen voran der Franchise-Modus, ist Madden der ideale Begleiter für die kommende NFL-Saison.

Football-Neulinge müssen sich diesen Spielspaß jedoch hart erarbeiten. Ähnlich wie bei einem Dark Souls muss eine hohe Einstiegshürde übersprungen werden, um Teil des Spielerlebnisses haben zu können. Daher ist Madden wahrlich kein Spiel für jeden Sportfan. Es besitzt jedoch das Potential, einen beharrlichen Funken an Interesse im Spieler zu belohnen und neue Leidenschaften zu entfachen.

Positiv

  • Perfekt umgesetztes Football-Gameplay
  • Motivierende Spielmodi
  • Tolle Darstellung der Athleten
  • Sinnvolle Neuerungen

Negativ

  • Sehr sperrig für Einsteiger
  • Präsentation und Menüführung verbesserungswürdig
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