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Nioh im Test: Gnadenlos gutes Gemetzel

Meine Hände sind schwitzig, mein Herz pumpt deutlich schneller. Ich habe keine Tränke mehr, sämtliche Fernkampfmunition ist verbraucht und ich kann keinen Angriff mehr wegstecken. Meinem Gegner geht es ähnlich. Seit fast 10 Minuten stehe ich diesem fetten Boss, der an eine eigentümliche Mischung aus Raupe und Spinne erinnert, jetzt gegenüber. Er ärgert mich mit Gift, Elektrizität und Lähmung, ich haue ihm meine Speer- und Katana-Kombos um die Ohren und decke ihn mit Bomben und Pfeilen ein. Der letzte Angriff wird dieses Duell entscheiden. Vorsichtig achte ich auf seine Angriffsmuster, um den perfekten Zeitpunkt für meinen letzten Schlag abzupassen. Das insektenähnliche Viech setzt eine Kombo an, ich weiche aus, stehe ihm im Rücken und muss nur noch den finalen Schlag setzen. Just in dem Moment setzt er eine Giftwolke ein, der ich mit meinem spärlichen Restleben nicht mehr gewachsen bin und so segne ich doch noch das Zeitliche. Ich ärgere mich. Ich bin frustriert. Ich schalte die PS4 aus. Aber trotzdem dauert es nicht lange bis ich den nächsten Anlauf starte.

Willam Adams. Unser Spielcharakter und Protagonist

Was lange währt, wird endlich gut.

Über 12 Jahre ist es schon her, dass mit der Entwicklung von Nioh begonnen wurde. Über mehrere Jahre hinweg wurde das Projekt und die Ausrichtung immer wieder geändert, bis es 2012 in die Hände von Team Ninja gelegt wurde. Mit der Expertise der Ninja Gaiden Serie hatte man hier den richtigen Entwickler gefunden und knapp 4 Jahre später steht das Spiel nun endlich in den Regalen der Händler bzw. im PSN-Store zum Download bereit.

Storytechnisch schreiben wir bei Nioh das Jahr 1600 und wir befinden uns im feudalen Japan. Die Geschichte basiert auf einem historischen Roman rund um den Protagonisten Willam Adams, der als englischer Pirat zwischen die Fronten rivalisierender Samurai gerät und fortan in diese Auseinandersetzung gezogen wird. Durch die Zugabe von mystischen Elementen, abgefahrenen Monstern, riesigen Bossen und skurrilen Begleitern bekommt das Spiel einen ganz eigenen Flair.

Komische Kopfbedeckung und eine rosa Katze auf der Schulter. Manche Momente sind sehr skurril

Das Spiel verschlägt uns als Willam Adams zu Beginn in den Tower von London, wo wir langsam an das Spiel herangeführt werden. Leider ist der Beginn direkt einer der Schwachpunkte des Spiels. Zum einen ist das Gebiet um den Tower technisch mäßig und unspektakulär. Zum anderen ist der Schwierigkeitsgrad in diesem ersten Abschnitt verhältnismäßig hoch und so manch ein Spieler dürfte hier bereits einige Bildschirmtode gestorben sein mit dem entsprechenden Knick in der Motivationskurve.
Aber hier kann ich auch direkt Entwarnung geben: mit der ersten richtigen Mission wird man ins Spiel gezogen und die Motivation zieht wieder steil an.

Dark Souls trifft Ninja Gaiden trifft Diablo

Spielerisch lässt sich Nioh am besten mit einer Mischung aus Dark Souls, Ninja Gaiden und Diablo umschreiben. Das grundsätzliche Spielgerüst erinnert an die Dark Souls Reihe. Anstatt Seelen sammeln wir hier Amrita, um unseren Charakter zu leveln und anstatt an Lagerfeuern zu rasten sind es hier Schreine. In den einzelnen Gebieten kommen wir langsam voran, indem wir uns zu Abkürzungen durchschlagen, um dann irgendwann vor einem dicken Boss zu landen.

Bei der Diablo Reihe denkt man sicher mit als Erstes an „Loot“. Das bedeutet Unmengen von Waffen, Rüstungsteilen und Gegenständen, die Gegner nach einer Niederlage fallen lassen oder die sich in Kisten verbirgt. Hier setzt Nioh auf ein ähnliches System aus Masse und Klasse. Gegenstände sind von weiß nach lila farblich aufsteigend in ihrer Güte gekennzeichnet und haben verschiedenste Auswirkungen auf unseren Charakter und seine Werte. Hier ist also vergleichen angesagt, was bei der Menge an Loot durchaus in Arbeit ausarten kann.

Das Kampfsystem ist extrem ausgefeilt und spielt sich nahezu perfekt. Hier ist sicher ein großer Teil der Ninja Gaiden Reihe eingeflossen, denn auch diese Spiele standen und stehen für ein sehr gutes Kampfsystem.

Auch Fernkampfwaffen wie der Bogen kommen zum Einsatz

Gameplay wie aus einem Guss

Und genau diese Mischung macht Nioh zu einem herausragenden Titel. In erster Linie trägt das Kampfsystem dazu bei, denn das ist bis ins Detail perfekt umgesetzt. Es gibt verschiedene Waffenarten, die alle ihre eigenen Stärken und Schwächen haben und sich entsprechend spielen. Ein Speer hält z.B. einen Gegner eher auf Abstand, hat aber im Nahkampf seine Nachteile. Ein Katana ist schnell im Angriff, dazu muss ich aber auf direkte Tuchfühlung gehen und das Risiko auf mich nehmen direkt getroffen zu werden.

Ein wichtiges Element ist das KI, was quasi unsere Ausdauerleiste ist. Jede Aktion verbraucht KI und bei einer leeren KI Leiste ist man für einen gewissen Moment wehrlos gegen Angriffe des Feindes. Hier muss man haushalten, taktieren und die Anzeige im Blick behalten.

Desweiteren gibt es 3 Kampfhaltungen, die man nahtlos wechseln kann. In der hohen Haltung macht man mehr Schaden, dafür ist der Angriff deutlich langsamer, während man in der unteren Haltung viel schneller angreifen kann, dabei aber weniger Schaden macht. Je nach Gegner hat die ein oder andere Haltung Vorteile, hier gilt es auszuprobieren.

Dazu gibt es noch eine Art Spezialangriff, Dutzende Gegenstände, die sich auf unsere Angriffe auswirken können, 2 Waffen für den Fernkampf, die man bei sich tragen kann etc. Das Kampfsystem in seinen Einzelheiten auszuführen würde hier den Rahmen sprengen.

Loot. Immer wieder Loot.

Im Gegensatz zu Dark Souls hat man bei Nioh eine klare Missionsstruktur aus Haupt- und Nebenmissionen, die sich über mehrere Gebiete erstrecken und die man über eine Weltkarte anwählen kann. Hier hat man auch Zugriff auf den Schmied, was noch eine zusätzliche Crafting Komponente ins Spiel bringt.

Die einzelnen Level bzw. Gebiete sind an die Samurai Thematik angelehnt, so schlagen wir uns durch fernöstliche Dörfer, durch Dungeons und Tempel. Die Levelstruktur ist abwechslungsreich und verwinkelt, allerdings nicht ganz so komplex wie z.B. bei den Dark Souls Spielen. Der Weg zum nächsten Schrein bzw. zur nächsten Abkürzung ist eigentlich immer gut zu finden.

Gestorbene Spieler können wir als Rückkehrer bekämpfen

Technisch angestaubt, aber vorbildlich umgesetzt

Was die Technik bzw. Grafik angeht, merkt man Nioh seine lange Entwicklungszeit an. Es kann grafisch nicht mit aktuellen PS4-Titeln mithalten, fehlt es doch z.B. an Details und Effekten. Punkten kann es hingegen mit den spektakulär inszenierten Bosskämpfen und vor allen Dingen mit der Optionsmöglichkeit, die mir als Spieler die Wahl lässt, wie das Spiel über meinen Bildschirm laufen soll. Im Actionmodus gibt es nahezu konstante 60 Bilder pro Sekunde bei leichten grafischen Abstrichen. Diesen Modus würde ich auch empfehlen. Die Spielbarkeit ist bei dieser Bildrate einfach am besten. Desweiteren gibt es den Videomodus, der dem Spieler die schönste Grafik bietet, dafür aber „nur“ mit 30 Bildern läuft und den Filmmodus, der eine Mischung aus beiden Modi ist. An dieser Auswahlmöglichkeit mögen sich bitte andere Entwickler ein Beispiel nehmen.

Der Sound und die Musik passen zum Setting, die Abmischung der Effekte ist gelungen. Kämpfe hören sich wuchtig an, aber auch ruhigere Passagen haben eine schöne Stimmung. Das Spiel kommt mit einer guten englischen Synchronisation mit deutschen Untertiteln.

Zwischensequenzen bringen die Geschichte voran

Fazit

Nioh ist für mich die erste große Überraschung des noch frischen Spielejahres. Durch die perfekte Symbiose aus Kampfsystem, Erforschung, Charakterverbesserung und Unmengen an Loot (Beute) hat es der Titel geschafft mich komplett in seine Fänge zu nehmen. Meine abendlichen Spielesessions waren fast immer deutlich länger als geplant und es fiel mir oft schwer den Controller aus der Hand zu legen.

Durch den hohen Schwierigkeitsgrad sollte man sich übrigens nicht abschrecken lassen. Das Spiel bleibt bei aller Härte immer fair und nachvollziehbar. Wie im richtigen Leben lernt man hier auch aus Fehlern. Ungeduld und Übermut führen allerdings selten zum Erfolg.

Perfekt ist Nioh nicht. Die Geschichte überzeugt mich nicht vollends und der Einstieg ist unglücklich gewählt. Trotzdem bleibt unterm Strich ein grandioses Spielerlebnis mit einem verdienten Award.

Positiv

  • Geniales, taktisches Kampfsystem
  • Großer Umfang (60+ Stunden)
  • Suchtspirale aus Looten & Leveln
  • Actionmodus mit 60 Bildern pro Sekunde
  • Viele nützliche Gegenstände und Talente
  • Großartige Bosskämpfe

Negativ

  • Lahmer Einstieg
  • Stellenweise etwas wirre Geschichte
  • Inventarverwaltung durch Unmengen an Beute nicht immer übersichtlich
9

Angefangen hat alles mit einer Tele Fever Konsole von Tchibo (!) im Jahr 1986 und dem Spiel Hobo (kennt wohl keiner). Direkt infiziert. Seitdem auf allen Plattformen unterwegs, egal ob Atari, Sega, Nintendo, Sony, Microsoft, Commodore, PC oder Exoten. Auch wenn ich heute sehr viel weniger Zeit für das Hobby habe: die Faszination ist ungebrochen.

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