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Prey – Schwerelosigkeit-losigkeit

Von Ole Oetjen am 22. Juni 2017

Im Test beweist Prey, dass sich das lange Warten auf den Shooter aus dem Hause Arkane gelohnt hat. Mit hohem Schwierigkeitsgrad und viel Raum für Experimente legt man ein gutes Fundament für die Franchise – lässt sich aber auch noch Luft nach oben.

Auftakt nach Maß

In der Psychologie gibt es den sogenannten Primacy Effect. Ein Gedächtnisphänomen, das dafür sorgt, dass zu Beginn eingehende Informationen besser abgespeichert werden als später verarbeitete. Dennoch glaube ich, dass es andere Ursachen dafür gibt, dass ich den Einstieg in Prey noch lange in Erinnerung behalten werde. Natürlich bleiben wir an dieser Stelle spoilerfrei, deswegen müsst ihr mir einfach glauben wenn ich mal das Statement abgebe:

Der Beginn von Prey gehört zum Besten, was das Action-Genre auf dieser Konsolengeneration zu bieten hat. Der erste Helikopterflug, begleitet von einem außerordentlich atmosphärischen Score, macht bereits Lust auf mehr. Und bereits innerhalb der ersten Stunde kommen humoristische, kreative, düstere, verwirrende und unerwartete Elemente hinzu. Dass auf einer so breiten Klaviatur gespielt wird, ohne den Spieler zu überfrachten oder allzu bemüht zu wirken, ist Spieldesign der Extraklasse zu verdanken. Würde der spätere Spielverlauf nicht so viel zu bieten haben, wäre ich versucht zu sagen, dass Prey die perfekte einstündige Demo ist: Wir hängen sofort am Haken der Story und wollen den Geheimnissen des Plots auf den Grund gehen.

Nicht nur was den stimmungsvollen Einstieg und die dichte Atmosphäre betrifft, erinnert Prey an den Genre-Vetter Bioshock. Mithilfe der sogenannten Neuromods leveln wir nämlich nicht nur unsere Attribute wie Schaden, Lebenspunte oder Hackingfähigkeiten, sondern schalten später auch übernatürliche Fähigkeiten wie Blitz- Feuerattacken frei.

Zu Beginn jedoch sind wir gegenüber unserer Umwelt unterlegen, sowohl in Ausrüstung als auch in Wissen. Weder besitzen wir die großen Ballermänner, noch wissen wir, was um uns herum passiert und was es mit unserem scheinbar gutmütigen Bruder und seinen komischen Psychotests auf sich hat. Der Spieler ist in der gleichen Lage wie der Protagonist. Er hat keine Ahnung was vor sich geht und sieht sich zu allem Überfluss plötzlich einer außerirdischen Übermacht gegenüber! Ängstlich und ohnmächtig machen wir unsere ersten Schritte. Das trägt ungemein zur Atmosphäre bei, ist jedoch auch Wurzel der wohl größten Schwäche von Prey: Dass sich das Spielen zu Zeiten zu sehr nach Arbeit anfühlt.

Shooter x Action x Adventure

Unsere Feinde im Shooterpart sind größtenteils Roboter oder die schattenhaften Typhon-Aliens. Relativ zu Beginn lernen wir aus deren Familie die Mimics kennen. Kleine spinnenartige Wesen, die die Paranoia-induzierende Eigenschaft besitzen, sich in Alltagsgegenstände verwandeln zu können, um den nichtsahnenden Spieler in den Rücken zu fallen. Dadurch ergibt sich die Prey-Gewohnheit einem Schreibtisch, auf dem mehr als eine Kaffeetasse steht, erstmal einen kernigen Hieb mit der Rohrzange zu verpassen. Treten die Kollegen einzeln auf, sind sie kein großes Problem. Haben wir es jedoch mit mehr als Zweien zu tun, fällt schon bald auf, dass die kleinen Kerle ganz schön austeilen können. Flink sind sie obendrein – und da Prey auf einen Aiming-Assistenten verzichtet, müssen wir uns schon sputen, die Viecher auch wirklich zu treffen. Und das sind nur die kleinsten Vetreter der Typhons…

Sagt Hallo zu meinem kleinen. schlagkräftigen Freund!

Die Auseinandersetzungen mit den Aliens sind Not und Tugend zugleich. Durch steten Mangel an Medipacks und Munition, verkommt die Brut nicht zu Kanonenfutter. Das motiviert dazu, auch mal zu schleichen, Gegner abzulenken oder uns den Fähigkeitenbaum der Aliens genauer anzusehen, um vielleicht in Gestalt eines Koffers an den Feinden vorbeizukriechen oder einen engen Schacht als Klopapierrolle zu durchrollen. Klingt komisch, ist aber so.. Für welchen Weg des Charakterausbaus ihr euch auch entscheidet, es ist gut mindestens zweigleisig zu fahren. Für die ständige Rambomethode ist Munition zu spärlich gesät, für dauerndes Verstecken fehlt uns die Psikraft. Diejenigen Spieler, die Spaß an Ausprobieren und Vielseitigkeit haben, sind die Gewinner dieses Systems.

Wie beim Witcher verfügt Prey über mehrere Schwierigkeitsgrade, die man jederzeit im Spiel wechseln kann. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich kann das irgendwie nicht. Ich komme mir dabei immer wie ein Cheater vor. Als hätte das Spiel mich gebrochen und ich wäre einfach nur zu schlecht für die eine Spielpassage, die der Entwickler mir eigentlich zugetraut hätte. Außerdem spricht es nicht unbedingt für perfektes Balancing, wenn der Spieler das Gefühl hat hier hin- und herspringen zu müssen. Und tatsächlich scheint mir Prey mitunter Schwierigkeiten in diesem Bereich zu haben. In manchen Kämpfen ist das Spiel wirklich ein zäher Hund und bei allem über „Normal“ werdet ihr viele unfaire Stellen erleben.

Der Nachteil aus meiner Sicht liegt daran, dass die alte Weisheit „Looten & Leveln“ in Prey nicht stark genug ausgebaut ist, um jeden Spieler beim stressigen Überlebenskampf bei der Stange zu halten. So werden viele Gamer womöglich eher an den Gegnern vorbeirennen und sich die Munition sparen – denn die Gegner respawnen ohnehin irgendwann in stärkerer Form. Cool dagegen ist das Recyclen von Rohstoffen. Klingt jetzt wie eine sehr subtile Aufforderung zum Umweltschutz, ist aber tatsächlich eine gelungene Mechanik. Ähnlich wie bei einem Replikator können wir an Recyclingstationen organisches Material wie Bananenschalen oder Schrott in Craftingmaterialien oder Munition verwandeln können. Dadurch suchen wir auch noch nach einem Dutzend Stunden in jedem Mülleimer nach Verwertbarem.

Mit diesen Psychotests bekommen wir den perfekten Einstieg!

In seiner Shootermechanik ist Prey Oldschool. Kein Zielen über Kimme und Korn, ein vergleichsweise kleines Waffenarsenal, zähe Gegner und Medipacks statt wieder aufladbarer Energie. Wer sich nur aufs Ballern verlässt, wird in Prey eine schwere Zeit haben. Höhepunkt unserer Ausrüstung ist die GLOO-Kanone, die wir schon früh im Spiel erhalten. Sie verschießt schnellklebenden Leim, mit dem wie Treppen bauen, Leitungen flicken und natürlich Gegner an Ort und Stelle festkleben, sodass wir ihren Leib mit der Rohrzange generalüberholen können.

Prey: Atmosphäre als großes Plus

Das Erkunden der Raumstation Talos macht Spaß und bedient sich Metroidvania-Prinzipien. Die knapp zweistelligen Levels sind miteinander verbunden, sodass man jeder Zeit backtracken kann (leider manchmal auch muss), wenn wir uns etwa fragen, was hinter Tür X, die wir vor 2 Stunden gesehen haben, liegen mag, jetzt da wir mithilfe der Neuromods die zum Öffnen nötige Fähigkeiten bekommen haben. Beispielsweise in dem wir nun schwere Gegenstände, die vor dem Durchgang lagen heben können. Oder indem wir uns ins System hacken, was übrigens mit einem der nervigsten Minigames verbunden ist, die jemals erfunden wurden.

Nach der ersten großartigen Stunde wird auch in der Folge eine interessante Story gewoben. Das grandiose Pacing kann jedoch nicht aufrechtgehalten werden. Dem Artverwandten BioShock steht man in dieser Hinsicht etwas nach. Charaktere und Antagonisten sind optisch ansprechend designed, bleiben inhaltlich jedoch etwas zu blass. Ein übergeordneter Antagonist fehlt beispielsweise ein wenig, da die Typhon-Aliens eben nicht durch ihr Charisma glänzen. Dennoch bleibt man in die Geschichte investiert – sofern man selbst etwas Arbeit hineinsteckt und Mails an den herrenlosen Computern liest, oder umherliegende Audiofiles konsumiert. Durch das Erledigen oder Unterlassen mancher Sidequests lassen sich Handlung und Enden beeinflussen, was den Wiederspielwert erhöht.

Fazit:

Prey hat mich in vielerlei Hinsicht positiv überrascht. Den Arkane Studios ist ein atmosphärisches, stimmungsvoll Erlebnis geglückt, dass von Anfang bis zum Schluss auf den Spieler wirkt. Am Ende ist es nicht die Science-Fiction Geschichte, die begeistert – dafür fällt sie nach dem grandiosen Einstieg ein wenig zu stark ab und wird durch viele fordernde Stellen im Spielverlauf und Nebenmissionen abgebremst. Das Erkunden und Herumexperimentieren mit der Spielmechanik wird geneigte Spieler bei der Stange halten. Die sechs verschiedenen Talentbäume sind ebenso motivierend wie das Einsammeln des umherliegenden Gerümpels, um daraus überlebensnotwendige Gegenstände zu craften. Dabei fordert Prey auch viel Geduld, Frusttoleranz und Engagement vom Spieler ein und fordert ein Dark Soul-iges Mindset von seinen Spielern. Wer Spaß daran findet, nicht immer den direkten Weg zu gehen, sondern versucht, schwierige Stellen innovativ zu lösen, wird mit Prey glücklich werden. Andere werden vielleicht ein wenig die „Schwerelosigkeit“ vergeichbarer Titel vermissen.

Positiv

  • dichte, einnehmende Atmosphäre
  • gelungenes Leveldesign
  • grandioser Einstieg
  • viel Raum für Experimente

Negativ

  • Gunplay und Waffenarsenal mit Luft nach oben
  • Hacken als nerviges Minigame
  • Ladezeiten
8.5