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Shadowrun Chronicles: Boston Lockdown – Krude aber spaßig

Von Ole Oetjen am 6. Mai 2015

Und wieder einmal spuckt kickstarter.com einen neuen Titel aus, der alten Fans am Herzen liegt. Cliffhanger Productions und Nordic Games haben sich die Shadowrun-Lizenz gegriffen. Aus dem angedachten MMO ist jedoch vielmehr ein Rundenstrategietitel geworden. Doch lest selbst.

Ich mag die Welt von Shadowrun. Sie ist ein aufregender Ort, an dem sich Schrotflinten-Schützen, Magier, Beschwörer, Schwertkämpfer und Hacker gleichermaßen tummeln. Hier findet jeder einen Grund, dem anderen ordentlich eine reinzusemmeln und jeder der verschiedenen Wege hat etwas für sich.

Als man also damals Shadowrun Online ankündigte, war ich angemessen gespannt auf den Titel, der PvP-Fraktionskriege und eine gestaltbare Onlinewelt versprach. 500.000 Kickstarter-Dollar später, ist von dem Konzept des MMORPGs leider nicht mehr viel übrig geblieben. Der Titel hört jetzt auf den griffigen Namen Shadowrun Chronicles: Boston Lockdown und ist vielmehr ein Rundenstrategiespiel a la XCOM geworden.

Wer bin ich?

Jedoch sind die MMO-Wurzeln nicht zu verleugnen. Wir starten mit dem Kreieren unseres Avatars (Mensch, Zwerg, Elf, Ork, Troll) und haben bei der Gestaltung allerhand Möglichkeiten – überraschend viele sogar was das Outfit betrifft. Wer sich Mühe gibt und hier ein bisschen Zeit investiert, hat gute Chancen darauf, dass er keinen virtuellen Doppelgänger von sich im Hub wird erdulden müssen.

Doch wichtiger sind ja die inneren Werte. Wie schon angesprochen, ist das Universum von Shadowrun recht liberal, was den bevorzugten Kampfstil betrifft. So kann man sich als manablitzschleudernder Magier genauso in Kämpfe stürzen wie als harter Hund mit Sturmgewehr oder tumber Haudrauf mit einem Klappspaten. Jeder Stil wird durch einen eigenen Talentbaum gestützt und da unser Avatar 2 Waffen ausrüsten kann, lassen sich so 2 Skilltrees miteinander kombinieren. Auf diese Art und Weise könnt ihr etwa einen Charakter bauen, der sich selbst zumeist vornehm zurückhält und seine beschworenen Bären einerseits und seine Kampfdrohnen andererseits die Arbeit machen lässt.

Gegenüber der Pen&Paper- oder den reinrassigen Rollenspielvorlagen stehen die Möglichkeiten eures Hauptcharakters in Boston Lockdown aber immer noch zurück. Während sich Hacker dort etwa in die sogenannte Matrix einloggen können, eine Form der virtuellen Realität, ist das Berufsbild des Hackers hier weniger anspruchsvoll und recht basal.

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Need a hand?

Euer Runner ist nun fertig und bereit für seine ersten Aufträge. Da es sich allein jedoch recht schnell stirbt, sind die einzelnen Missionen auf Coop-Action ausgelegt. Entweder mit anderen Spielern oder mit KI-Kollegen begebt ihr euch also in die Missionen der Kampagne, die euch linear von einer Aufgabe zur Nächsten schickt.

Wenn ihr eher der Singleplayer-Typus von Spieler seid, werdet ihr von den computergesteuerten Begleitern bitter enttäuscht sein. Diese sind nur willkürlich generierte Pappkameraden ohne eigene Backstory oder Sprechanteile. Zudem können sie nur eine Waffe tragen und nicht zwei wie die von den Menschen gesteuerten Pendants, was sie von vornherein zur schlechteren Alternative macht. Uns ist im Test sogar ein scheinbar völlig wahllos zusammenprogrammierter KI-Kollege über den Weg gelaufen der absolut paradox geskillt war und nicht einmal genug Mana für seine eigenen simplen Zaubersprüche hatte. Ziemlich wertloser Geselle.

Das Herzstück ist der Kampf

Am besten geht ihr die Aufgaben also mit menschlicher Unterstützung an. Diese könnt ihr in MMO-Manier zwischen den Missionen in der Stadt rekrutieren. Wobei Stadt fast ein bisschen zu viel gesagt ist und wer jetzt Siedlungen von der Größe eines WoW erwartet, wurde durch das Wort aufs Glatteis geführt. Es ist eher so eine Art Hub, die die einzige Schnittstelle des Spiels mit den anderen Runnern bildet. Hier könnt ihr eine Gruppe zusammenstellen und den Run beginnen.

Die Missionen sind dabei simpel gestrickt und die Aufgabe ist eigentlich immer die gleiche: Säubert die Map von Feinden. Das jedoch macht eigentlich immer Spaß. Je nachdem wie euer Team zusammengestellt ist sind die Aufgaben recht fordernd und bedürfen strategischen Vorgehens. Hier geht ihr wie in XCOM Runde für Runde abwechselnd vor, bringt euch in Stellung und versucht Gegner zu flankieren oder mit einer Kombination eurer Skills zu überraschen. Hier macht Shadowrun Chronicles wirklich Spaß.

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The unfinished Swan?

Leider merkt man dem Spiel sein recht geringes Budget durchaus an. Während der Einsätze setzt die Kamera immer mal wieder aus und zeigt uns aus dem Ehrgeiz heraus, besonders cineastisch zu sein, einfach nur eine solide Betonwand, hinter der sich vermutlich die Action abspielt. Die Dialoge sind auch alles andere als berauschend und lassen keine wählbaren Optionen zu, obwohl das Textfeld so aussieht, als wäre das ursprünglich mal geplant gewesen. Besonders schwerwiegend ist für mich jedoch die fehlende Möglichkeit, meine Begleiter auszurüsten und deren Entwicklung zu steuern. Eine Designentscheidung für die mir keine Rechtfertigung einfällt, außer dass man mich zwingen möchte, mit anderen Spielern online zusammenzuarbeiten. Dies ist jedoch eine Wahl, die ich gerne für mich selbst treffen möchte.

Darüber hinaus hat das Spiel immer wieder mit Serverproblemen zu kämpfen. So kann ab und an eine halbe Minute verstreichen bis das eigene Squad auf Befehle reagiert und sie in die Tat umsetzt. Hier ist noch viel Arbeit vor den Entwicklern.

 

Fazit:

Shadowrun Chronicles: Boston Lockdown hinkt hinter den eigenen Ansprüchen hinterher. Statt eines MMOs hat das Geld „nur“ für eine Art XCOM Light gereicht, wo man an allen Ecken und Enden merkt, dass man eigentlich mehr vorhatte. So wird die reiche Welt von Shadowrun leider nur in Ansätzen genutzt und interessante Charaktere sucht man vergebens. Nicht nachzuvollziehen ist für mich zudem die Entscheidung, die KI-Kollegen dem Zufall und nicht meiner Planung zu überlassen.

Dennoch hat der Titel durchaus seine Daseinsberechtigung. Die Story kommt zwar etwas langsam in die Gänge, wird jedoch später durchaus interessant und die Kämpfe machen sogar richtig viel Spaß und sind perfekt, wenn man mal eine halbe Stunde zu überbrücken hat.

Positiv

  • atmosphärisches Cyberpunk-Setting
  • Unterhaltsame und fordernde Kämpfe

Negativ

  • klobiges Design
  • Wirkt nach wie vor unfertig
  • keine Checkpoints innerhalb von Missionen
7