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Steel Division: Normandy 44 – Geduldsspiel für große Strategen

Von Kevin Köhler am 8. Juni 2017

Es ist Weltkrieg und ich bin mittendrin. Nicht als Soldat, wie bei Battlefield 1 und Konsorten, sondern als Kommandeur mit Blick aufs ganze Schlachtfeld. Auf dem Schlachtfeld von Steel Division: Normandy 44 um genauer zu sein. Der Echtzeit-Taktik Titel des französisches Entwicklers Eugen Systems (Wargame, Act of Aggression), ist auf Steam erschienen und will einiges anders machen als die Genre-Konkurrenz. Wie gut ihm das gelingt, verrate ich euch im Test.

    Spielspaß vor  Realismus

    Das Setting von Steel Division: Normandy 44, ist nicht nur mir, sondern wohl den meisten Gaming-Veteranen gut bekannt. Der 6. Juni 1944, der Tag der Alliierten Invasion in der Normandie, ist eine der am häufigsten beackerten Ereignisse im Strategie- und Actiongenre. Der Fokus von Steel Division liegt dabei allerdings weniger auf der in Filmen und Spielen dutzendfach verwursteten Landung am Strand, sondern vor allem auf den Gefechten hinter der Frontlinie. Während die eigentliche Landung von zwei KI-Gegnern auf beiden Seiten ausgefochten wird, sind wir als Spieler damit beschäftigt unsere Fallschirmjägertruppe zusammenzusuchen, die weit hinter feindlichen Linien gelandet ist. Dann geht es darum schwere Kanonen und Artilleriestellungen auszuschalten um den verbündeten Panzern den Vormarsch zu ermöglichen.

    Dabei setzt Steel Division durchaus auf eine Prise Realismus. Aber eben nur eine Prise. So können Panzer durchaus über große Strecken auf Gegner feuern, sofern sie freie Sicht haben. Allerdings nicht über kilometerlange Distanzen, wie dies in der Realität der Fall war. Dies ist zum Wohle des Spielers, denn über den halben Bildschirm von einer Einheit zerstört zu werden, die man womöglich gar nicht sehen kann, ist nicht was die meisten Spieler unter Spaß verstehen. Hier wurde die richtige Balance zwischen Realismus und Spielspaß gefunden.
    Auch sonst tragen die historisch akkurat recherchierten Einheiten, (inklusive kontroverser Kommandeure, etwa der SS), die stimmige Klangkulisse und die guten Effekte zu einer packenden Atmosphäre bei.

     Leicht zu lernen, schwer zu meistern

    Aller Anfang ist schwer, vor allem bei so einem komplexen Titel, insofern bin ich dankbar für Steel Divisions Tutorial, welches die verschiedenen Mechaniken gut einführt und mich mit den verschiedenen Phasen des Kampfes vertraut macht. Das stimmige Voice-Over konzentriert sich dabei auf das Wesentliche ohne durch zu viele Details zu überfordern. Diese lassen sich problemlos in einer Handvoll kleinerer Gefechte erlernen.

    Jede Schlacht beginnt mit der Erstellung der Battlegroups, also der Planung auf welche Einheiten man während der Schlacht zurückgreifen kann. Diese werden stets am Kartenrand gespawned, Basenbau gibt es nicht. Einheiten kosten unterschiedlich viele Ressourcen und einige, mächtigere Einheiten stehen erst nach dem Ablauf einer festgelegten Zeit zur Verfügung. Jede Schlacht besteht aus drei Phasen: A, B und C. Die stärkeren Einheiten stehen häufig erst in Phase B oder C zur Verfügung. So ist es zwar denkbar ein Rush-Deck zusammenzustellen, bei dem alle Ressourcen in Phase A zum Tragen kommen, dies lässt den Spieler in Phase C dann aber alt aussehen. Die Einteilung in Phasen bringt also bereits verschiedene taktische Möglichkeiten mit sich. So ist es möglich Ressourcen zu sparen (diese sammelt der Spieler mit der Zeit von selbst) um dann in kurzer Zeit, etwa nach Beginn der Phase B, eine große Anzahl neuer Einheiten aufs Schlachtfeld zu führen. Somit ist nicht nur die Zusammenstellung der Einheiten, sondern auch das Timing ihres Einsatzes ein wichtiges Element der Strategie einer Partie.

    Die Zusammenstellung der Kampfeinheiten vor Beginn einer Partie ist ein wichtiger Teil der Gesamtstrategie.

    Strategie ist  Trumpf

    Ich bin ganz ehrlich, meine anfänglichen Versuche per „Attack-Move“-Befehl das Schlachtfeld zu erobern, scheiterten kläglich. Die simple „bewegt euch in diese Richtung und schießt auf alle Gegner“ Methode funktioniert in diesem Titel nicht einmal im Ansatz. Stattdessen gilt es bei Steel Division clever zu positionieren, Frontlinien zu beachten, den Nachschubweg zu sichern und generell das Geschehen überall permanent im Blick zu behalten.
    Das heißt vor allem: Geschwindigkeit runterfahren, Steel Division spielt sich deutlich langsamer als vergleichbare Echtzeit-Strategie-Titel. Die Planung und das positionieren der Einheiten gelingt jedoch nur dann präzise genug. Die wichtigen Frontlinien stellt Steel Division dabei auf äußerst stimmige Weise durch ständig in Bewegung befindliche rote und grüne Linie dar.  So lässt sich das hin- und her wogen des Gefechts in Echtzeit beobachten und die Dynamik der Schlacht wird untermalt. Darüber hinaus kann ich schnell erkennen wenn der Gegner versucht mir in die Flanke zu fallen. Dabei ist es jedoch ausgewogen und verschiebt sich nicht mit jeder einzelnen Einheit, sondern nur mit größeren Truppenbewegungen. Die so erreichte Kombination aus „Map control“ und „Fog of War“ ist ein gelungenes Upgrade zu traditionellen Ansätzen der Genre-Konkurrenz.

    Die Frontlinien zeigen welches Gebiet vom Gegner kontrolliert wird, genaueres verrät es jedoch nicht.

    Fazit:

    Steel Division: Normandy 44 ist Strategiekost vom Feinsten, doch ähnlich wie andere Feinschmeckergerichte (z.B. Schnecken mit Knoblauchsoße) ist es genau deshalb nicht jedermanns Sache. Es bedarf schon mind. 1-2 Stunden Einspielzeit bis man das sehr langsame und planvolle Vorgehen verinnerlicht hat und auch dann gibt es  immer noch viele taktische Feinheiten zu erlernen. Bei Steel Division zählt nicht einfach nur die nackte zahlenmäßige Überlegenheit oder die Feuerkraft, sondern auch die richtige Strategie im richtigen Moment. Statt geradlinigem Ansturm, muss ich meinem Gegner die Sicht vernebeln und ihn flankieren. Doch genau das macht den Reiz aus und hat mir nach zwei gescheiterten Versuchen einen noch lohnenderen Sieg beschert. Ich liebe Strategiespiele die ihre Spieler nicht unterschätzen und einen Gewissen Anspruch an ihre Spielerschaft stellen. Das erfordert natürlich etwas Geduld und die Bereitschaft nicht jede Mission direkt beim ersten Versuch zu meisten. Doch wer sich mit Steel Division darauf einlässt, erhält einen Titel mit herausragender strategischer Tiefe,  der durch das Phasensystem und die Battlegroup mit innovativen Spielmechaniken aufwartet. Hardcore Generäle mit Geduld sollten also unbedingt zugreifen!

    Positiv

    • Dynamische, spannende Schlachten
    • Stimmungsvolle Soundkulisse
    • Historisch korrekte Einheiten
    • Hoher Anspruch, viel taktische Tiefe

    Negativ

    • Komplexität kann überfordern
    • Hoher Schwierigkeitsgrad erfordert Frustrationstoleranz
    7.5