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Styx: Shards of Darkness im Test – Grün sehen und sterben…

Der Goblin Styx versucht sich in die erlauchte Reihe an Meisterdieben hinter Sam Fisher und Dieb Garrett einzureihen undlandet in seinem zweiten eigenen Abenteuer einen Achtungserfolg. Ob er auch unser Herz stehlen konnte, lest ihr in unserem Test.

Wisst ihr noch, was ihr in diesem Frühjahr gespielt habt? Wenn nicht ist das auch keine Schande, da der Hypetrain mit vielen Wagons einfuhr: Im März türmten sich Nioh und For Honor auf dem „Noch zu erledigen“-Stoß, Horizon: Zero Dawn und Mass Effect: Andromeda kamen frisch dazu, und wir mussten bereits Urlaubstage einreichen, um Persona 5 irgendwie in den Arbeitsalltag zu quetschen. Blickt man nun zurück und weiß um die Stärken des Goblins Styx in puncto Stealth, ist es nicht verwunderlich, dass er es im März zu Release schaffte, an vielen von uns unbemerkt vorbei zu schlüpfen. Verdient hat er die fehlende Aufmerksamkeit jedoch nicht. Also, Styx, ab ins Rampenlicht!

Listiges kleines Scheusal Styx

Wohl fühlen wird sich Styx im Scheinwerferkegel freilich nicht. Als Goblin liebt er seine Umgebung so wie seine Seele: Dunkel und schattig. Man würde ihn nicht als Helden bezeichnen: Er riecht, spuckt Gift und Galle, hasst die Menschen und liebt das Morden und Plündern. Damit eignet er sich vielleicht nicht als Tandem-Kumpel, seiner Profession als Meisterdieb und Meuchelmörder sind diese Eigenschaften jedoch zuträglich. Anders als in Spielen wir Dishonored oder Deus Ex ist Stealth bei Styx nicht eine Möglichkeit von Vielen, sondern Alternativlos: Stealth oder Die.

Bereits 2014 gab er sich in Styx: Master of Shadows die Ehre und obwohl die Handlung von Shards of Darkness mit dem Vorgänger verbunden ist, brauchen wir nicht zwingend Vorwissen. Wir merken schnell: Styx will das Herz des Weltenbaums stehlen. Warum? Das weiß er selbst nicht so genau. Die Geschichte wird durch etwas ermüdende Dialog- und Zwischensequenzen erzählt, in denen die Charaktere abseits des Protagonisten leider blass bleiben. Im Fokus steht Styx mit seinem beißenden Humor, anzüglichen Kommentaren und Anspielungen.

    In neun Levels schleichen, dolchen und klettern wir uns zu unserem Ziel. Auf den ersten Blick auffällig dabei ist, dass die Umgebungen schnell recycled werden und wer sich in einem düsteren, mittelalterlichen Fantasysetting nicht wohlfühlt, ist hier definitiv falsch. Zumal auch die Texturen bei näherer  Betrachtung verwaschen daherkommen.

    Dennoch lohnt sich auch für diese Spieler ein gründlicherer zweiter Blick. Denn das Leveldesign weiß durchaus zu gefallen! Cyanide Studio baute zwar lineare, aber weitläufige Areale, in denen es immer mehr als nur einen Lösungsweg gibt.

    Grün sehen und sterben

    Als Goblin mit einem einfachen Dolch sind wir nicht dafür gemacht, Rittern in schwerer Rüstung frontal zu begegnen. Ein offener Kampf endet häufig im Game-Over-Screen und mit fairen Duellen hat Styx es ohnehin nicht so. Wir müssen uns also etwas einfallen lassen und die Umgebung nutzen, um an unser Ziel zu kommen. Solltet ihr also mal in die Verlegenheit kommen, einen gut bewachten Hauptmann zu erledigen, schaut euch um! Vielleicht entdeckt ihr ja die Trinkquelle der Wachen. Es wäre eine Schande, wenn ein grüner Goblin dort Gift hineinspucken würde… Oder vielleicht hat betreffender Hauptmann eine Affäre, von der der gehörnte Buchhalter nichts weiß. Ob wir einen gefälschten Liebebrief in seiner Schreibstube „vergessen“ sollten? Das Sondieren der Umgebung lohnt sich in Styx immer und selbst wenn wir mit diesen indirekten Methoden der Pflichterfüllung nichts anfangen können, gibt es immer noch Fallen die wir legen, Kronleuchter die wir manupulieren, oder Giftpfeile die wir in unaufmerksame Wachen hineinbohren können.

    Styx liebt Dunkelheit und Meucheln – ob sein Opfer das ebenso empfindet?

    Sollten wir doch einmal das Zeitliche segnen, wartet Styx im bereits erwähnten Game-Over-Screen auf uns, wo er die Vierte Wand durchbricht und uns mit dem ihm eigenen Zynismus bedenkt. Während diese Beschimpfungen zu Beginn durchaus amüsant sind, wiederholen sich die Sequenzen leider schnell, sind nicht zu deaktivieren und gehen daher zügig auf die Nerven. Besonders zu Beginn des Spiels, wenn wir uns noch an die Styx‘ Fähigkeiten und die Gegner gewöhnen müssen, beißt unser Anti-Held häufig ins farblich passende Gras. Das ist einerseits frustig und führt dazu, dass man den Grünen verflucht, andererseits profitiert man in den Folgestunden enorm von der anwachsenden Palette an Tricks und Skills, die wir freischalten. Wenn wir etwa einen vollkommen funktionsfähigen Klon ausspeien, den wir auf Wunsch explodieren lassen können. Auch diese helfen jedoch nicht gegen die Tode, die wir aufgrund der sehr schwammigen Kletter- und Sprungsteuerung erleiden müssen…

    Die Gegner-KI, die Sollbruchstelle eines Stealth-Games, ist leider auch bei Styx ein Thema. Die Stärke der Gegner liegt in ihrer Positionierung und der widerstandsfähigen Rüstung, weniger im Kognitiven, wo sie immer wieder versagen, sodass spannende Settings an Reiz verlieren sobald wir herausgefunden haben, wie Soldaten sich übertölpeln lassen.

    Fazit:

    Styx: Shards of Darkness ist ein reinrassiges Stealth-Spiel. Während Titel wie Hitman oder Metal Gear Solid 5 dem Spieler immer noch die Wahl ließen, den Panikknopf zu drücken und im Zweifelsfall wild um sich zu ballern, ist unser Protagonist Styx auf Lautlosigkeit und seine Verschlagenheit angewiesen. Die sehr kompetent gestalteten Level zu erkunden und geduldig auf seine Chance zu warten ist keine Option, sondern eine Anforderung. Gelingt der ertüftelte Plan und wir kommen unbemerkt an unser Ziel, bietet Styx: Shards of Darkness eine belohnende Spielerfahrung und ist ein guter Vertreter des Stealth-Genres. Wer Spaß am referentiellen Humor und den zynischen Kommentaren des grünlichen Protagonisten hat, wird überdies auch die Präsentation des Titels genießen.

    Um aus einem guten Spiel ein großartiges zu machen, offenbart man leider zu große Schwächen in der Gegner-KI, der technischen Präsentation, der eher oberflächlichen Story sowie dem Balancing einzelner Spieleelemente wie dem praktisch belanglosen Item-Crafting und dem eben doch sehr speziellen Humor, der einem beispielsweise in den Game-Over Screens den Nerv rauben kann.

    Positiv

    • einzigartiger Protagonist
    • verschiedene Vorgehensweisen
    • gute Stealth-Mechanik, interessantes Skill-Arsenal

    Negativ

    • Grafikbugs
    • sehr spezieller Humor
    • Plot fehlt Spannung
    • Gegner KI nicht immer auf der Höhe
    7.5