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The Last Guardian – Meine Hassliebe im Test

Von Ole Oetjen am 23. Januar 2017

Wenn man 10 Jahre auf ein Spiel wartet, ist es unmöglich vorherzusehen, was man bekommen wird. Deswegen stellte auch ich mir die Frage: Ist The Last Guardian nun eher ein Duke Nukem Forever, oder ein Final Fantasy 15? Die Antwort: The Last Guardian ist einmalig geworden.

Für die einen ist es Trico…

Seit wir Spieler vor fast einem Jahrzehnt The Last Guardian zum ersten Mal auf der E3 sahen, waren wir verliebt ihn den… Hund-Katzen-Greif.  Sofort hatte mein ein Band mit ihm aufgebaut und fragte sich, was das Entwicklerteam um Fumito Ueda wohl mit uns vorhat. Seit Aeris aus Final Fantasy VII weiß das spielende Volk, dass man sich vor zu starken Banden mit virtuellen Charakteren in Acht nehmen sollte und vermutlich hat Jeder einen Kumpel, der sich nach dem Trailer hinüberlehnte und halb zynisch, halb bedauernd flüsterte: „Das Vieh stirbt bestimmt.“.

Ob ihr nun auf diese Weise „vorbelastet“ in The Last Guardian startet oder nicht, das Fabelwesen namens Trico (oder „Toriko“) wird euch in seinen Bann ziehen. Auch wenn ich während des Spiels, und unweigerlich auch während dieses Reviews, viel Schimpf und Frustration über The Last Guardian ausschütten muss[te]. Trico ist für mich ein Meilenstein der Videospielgeschichte und verdient es, auch in weiteren 10 Jahren noch belobigt zu werden.

Wer von euch mit einem Haustier, vorzugweise Hund oder Katze, zusammenlebt, wird wahnsinnig viel von seinem felligen Mitbewohner in Trico wiederfinden. Trico fühlt sich wie ein lebendiges Wesen an, das nie von eurer Seite weichen möchte. Mal paddelt es mit den Pfoten an einer verschlossenen Tür herum, mal spielt es mit einem kleinen Fässchen oder mit reiner Freude in einer großen Pfütze. Es fiept herzzerreißend wenn ihr einen Speer aus seiner Flanke herausziehen müsst, es grollt und tobt, wenn es euch in Gefahr vermutet. Es hat diesen wundervollen treu-doofen Blick drauf, mit dem euch auch euer Hund in Kindertagen anschaute, wenn er etwas falsch gemacht  oder eure Kommandos nicht verstanden hat; aber einfach glücklich war, dass ihr nach ihm gerufen habt. Und so ungeduldig wie ihr damals reagiert, vielleicht sogar geschimpft und euch ein klügeres Haustier gewünscht habt, werdet ihr auch bei The Last Guardian toben. Doch dann schaut es euch an und ihr denkt „Ach komm her, du kannst ja nichts dafür…“

    …für die anderen, die wohl störrischste Leiter der Welt

    So ging es mir jedenfalls. Nachdem ich The Last Guardian durchgespielt habe, habe ich auch meinen Frieden mit dem Titel gefunden. Diesen Frieden muss man sich jedoch stellenweise hart verdienen. Es tut mir Leid um jeden einzelnen Spieler, der vor dem Abspann entnervt das Gamepad beiseitegelegt hat, aber halleluja, kann ich das nachvollziehen.

    Einen überwältigen Teil der Rätsel im Spiel lösen wir in Kooperation mit unserem tierischen Partner. Wobei „Rätsel“ meist bedeutet: „Wo muss ich eigentlich hin? Wie komme ich dahin? Und wie erkläre ich das meinem Partner mit der kalten Schnauze?“. Dabei entschied man sich für eine kompromisslos indirekte Steuerung.  Und das ist auch toll so – das Spiel lebt ja davon, dass wir Trico als lebendige, eigenständige Entität wahrnehmen. Wenn wir jetzt auf Knopfdruck, wie bei GTA V, den Charakter wechseln könnten, bliebe von The Last Guardian vielleicht nicht viel mehr übrig als ein okay-gutes Rätselspiel.

    Mit einem beherzten Schnapper rettet Trico uns vor dem Absturz

    Unsere heutige Welt, insbesondere die der Videospiele, ist aber so schnelllebig, dass es manchmal schwerfällt, genug Frusttoleranz aufzubringen, wenn Trico partout einen Sprung nicht machen möchte. Man weiß wo man hinmöchte, Trico will aber nicht. Schließlich denkt sich der geübte Videospieler, dass das dann nicht der richtige Weg sein kann, sucht alles andere ab und findet nach 10 Minuten heraus, dass man am Anfang doch richtig lag. Argh! Solche Szenen gibt es für meinen Geschmack leider zu häufig im Spiel und können einem echt den Spaß verderben. Wir stehen auf dem Kopf des fabelhaften Begleiters, zeigen in eine Richtung, trommeln mit den Füßen und rufen – und Trico guckt desinteressiert woandershin.

    Wohin Trico guckt? Das ist nicht immer festzustellen! Denn gerade in Innenräumen spielt die Kamera manchmal verrückt und ist völlig überfordert. Besonders wenn wir auf Trico herumklettern, macht die Perspektive des Öfteren was sie will und ist beinahe so störrisch wie unser animalisches Pendant.

    Menschen mit einer kurzen Zündschnur und wenig Geduld seien gewarnt. Vielleicht liest es sich jetzt harmlos wenn ich schreibe, dass Trico und die Kamera manchmal ihre Zeit brauchen. Alte PC – Veteranen lächeln milde und möchten erwidern, dass man früher mehr als 10 Minuten warten musste, bis ein Wing Commander überhaupt mal gebootet hat. Stimmt. Aber wie gelassen ward ihr das letzte Mal als euer Browser aus erfindlichen Gründen 30 Sekunden Ladezeit für jede Homepage brauchte?  Eben. So schön Tricos Design und die Idee der „Haustier-KI“ ist, so nervenaufreibend kann sie auch sein.

    Leveldesign: Wirr aber aus einem Guss?

    Doch Steuerungs- und Kameraprobleme sind Spieler der beiden geistigen Vorgänger Ico und Shadow of the Colossus gewohnt. Alte Fans kennen die Ecken und Kanten der Ueda-Spiele und verzeihen ihm die Ungereimtheiten.

    Die Interaktion mit Trico ist im Medium Videospiel einzigartig

    Ueda ist ein ambitionierter Spielemacher, der bereits mit Shadow of the Colossus die technischen Grenzen der PlayStation 2 auslotete. Ich persönlich liebe zwar den Stil des Spiels, aber objektiv gesehen, ist die Technik des Spieles sichtbar in die Jahre gekommen und hat dennoch zum Teil gravierende Framerate-Einbrüche.

    Dafür werden wir aber auch mit wunderschöner Weitischt und ineinander verzahnter Levelarchitektur belohnt. Fans von Dark Souls 1 könnten hier ihren Hut ziehen, denn immer wieder entdecken wir von weit erhöhter Position Stellen im Spiel, die wir vor Stunden schon besuchten oder fallen durch eine Decke und stellen fest, dass wir diesen Raum bereits kennen, sich nun aber ein anderer Weg eröffnet hat. An diese Art des Leveldesigns muss man sich zunächst gewöhnen und nicht selten werdet ihr minutenlang einen Ausgang suchen, bevor ihr feststellt, dass die Lösung ein beherzter Strung von Trico ist. Oft genug auf einen Vorsprung, den ihr außerhalb der Reichweite wähntet.

    Uedas roter Faden

    Was Uedas Werk so stark macht, ist die Bindung, die er zwischen Spiel und Spieler schmieden kann. Gewisse Themen und Motive ziehen sich wie ein roter Faden durch seine drei großen Spiele. Isolation, Opferbereitschaft, Liebe, Loyalität. Man kann sich ohne weiteres vorstellen, dass Ico, Shadow of the Colossus und The Last Guardian im selben Universum spielen und es macht Spaß sich darüber Gedanken zu machen, wie die einzelnen Puzzleteile wohl ineinander passen.

    Wäre Ueda eine Dualshock-Taste, so wäre er R1: In Ico hielten wir R1 durchgängig gedrückt, um das Mädchen in Not an der Hand zu halten und ließen nur widerstrebend los. Wir haben sie verflucht, aber immer beschützt. In Colossus brauchten wir R1, um die Riesen zu erklimmen, uns niemals abschütteln zu lassen, die Kolosse ultimativ niederzuringen und am Ende ihren Tod zu betrauern. Und in The Last Guardian ist R1 unser Band zu Trico. Manchmal schauen wir ihm minutenlang dabei zu, wie er auf eigene Faust das Level erkundet und mit einer Wippe spielt. Manchmal kloppen wir verzweifelt  auf R1 herum, damit er endlich auf uns hören möge. Aber am Ende des Tages, wenn ihr es schafft über die teils gravierenden Schwächen von The Last Guardian hinwegzusehen, werdet ihr zugeben müssen: Ueda hat es wieder einmal geschafft.

    Fazit:

    The Last Guardian ist ein „einzigartiges Spielerlebnis“. Im Schlechten bedeutet dies, dass ich es wohl kein zweites Mal spielen möchte. Ich habe die Story zwar sehr gemocht, aber vom reinen Gameplay her, war ich doch froh, dass es vorbei war. Wer nichts mit Knobeleien in einem Spiel anfangen kann, ist hier falsch. Und selbst Rätselfans brauchen eine gewisse Frusttoleranz. Denn wenn ihr Pech habt, und Trico stellt sich stur, werdet ihr unweigerlich an manchen Stellen hängen. Diese Minuten im Limbo können sich quälend lang anfühlen und sprechen normalerweise für verbesserungswürdiges Gamedesign. Ultimativ sind es die Schwächen in Tricos Verhalten, der Steuerung und der Kamera, die mir die Lust auf einen zweiten Playthrough austreiben.

    Das erste Mal Durchspielen möchte ich aber nicht missen! Im Guten bedeutet „einzigartiges Spielerlebnis“ nämlich, dass ich noch nie ein so gut gemachtes Tier in einem Videospiel erleben durfte. Alles, von der Verspieltheit, dem Beschützerinstinkt bis hin zum störrischen Ignorieren von Befehlen, gaukelt dem Spieler perfekt vor, er habe es hier mit einer echten Seele, verpackt in einem 6 Meter langem Hund-Katzen-Greif zu tun. Und wenn man mich vor die Wahl stellte, ob ich dann nicht  lieber ein Standard-Rätselspiel ohne große Schwächen aber dafür auch ohne Wow-Faktor gespielt hätte, hätte ich mich immer für The Last Guardian entschieden.

    The Last Guardian bietet dem Spieler eine dichte Atmosphäre mit mystisch-spannenden Storyelementen, einer gehörigen Prise Frustpotential, und mit Trico einen Charakter, den ihr so schnell nicht mehr vergessen werdet.

    Positiv

    • Tolle Animationen von Trico
    • dichte Atmosphäre
    • spannende, mystische Storyelemente
    • Trico als Meilenstein der "Haustiere in Videospielen"

    Negativ

    • technisch angestaubt
    • Steuerung hakelig und ungenau
    • Trico-KI immer wieder mit Problemen
    • Kameraprobleme
    8