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The Order: 1886 – Von den eigenen Dämonen verfolgt

Von David Wichter am 27. Februar 2015

Schon im Vorfeld hat sich The Order 1886 einiges an Wohlwollen verspielt: Von zweifelhaften Kommentaren der Entwickler über cineastische 30 Frames pro Sekunde bis zur jüngsten Kontroverse über die kurze Spiellänge ist das Spiel noch vor Launch in so manches Fettnäpfchen getreten. Dennoch, PS4-Spieler wollen endlich einen Titel spielen, der die Anschaffung der Konsole rechtfertigt und The Order 1886 war lange Zeit ein solcher Kandidat. Jetzt ist es draußen und die Frage ist: War das Spiel die investierte Hoffnung wert?

 

Steampunk à la Carte

London ist im Jahre 1886 in Aufruhr: Während Revolutionäre das politische Klima an den Rand eines Bürgerkriegs anheizen und der titelgebende Orden der Ritter ihrer Majestät eigentlich schon genug damit zu tun hat, gegen die Aufrührer vorzugehen, treiben auch noch Lykaner, im Volksmund und von jedem anderen auch Werwölfe genannt, vermehrt ihr Unwesen. In diesem Getümmel begleitet ihr Sir Galahad, einen der Ritter des Ordens, welcher versucht, in diesen Zeiten des Umbruchs die Ehre des Ritterstandes zu bewahren und sich bald zwischen Fronten wiederfindet, die seinen Glauben in den Orden auf das Tiefste erschüttern werden.

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Ein Spiel, das sich damit rühmt, besonders cineastisch zu sein, sollte besser auch in Sachen Plot und Geschichte liefern was es verspricht. The Order 1886 hat in dieser Hinsicht auch tatsächlich seine größte Stärke, denn was das Spiel zum Leben erweckt, ist sein völlig überzeugendes Setting. Die Steampunk-Version von London des 19. Jahrhunderts ist mit einem so hohen Detailgrad erschaffen worden, dass man diesen Ort von Anfang an als absolut realistisch wahrnimmt. Selbst die Freiheiten, die sich diese Welt gerade in Sachen Technologie nimmt, wirken selten störend und helfen dabei, das Setting noch etwas fantasievoller zu gestalten.

Die Geschichte, die in dieser Welt stattfindet, überzeugt nicht im gleichen Maße und hält gerade eben so bei Laune. Es findet viel Vorhersehbares statt und die Akteure wecken wenig Interesse. Sir Galahad ist zwar nicht unbedingt ein eindimensionaler Charakter aber wirklich interessant oder sympathisch macht ihn sein Persönlichkeitscocktail aus Pflichtbewusstsein, Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit noch lange nicht. Ähnliches gilt auch für andere Charaktere, von der emanzipierten Isabeau über den Freiheitsliebenden Casanova Lafayette (ja, genau der Lafayette) bis hin zum unbeholfenen Tesla (ja, genau der Tesla). Ihre Dialoge sind zwar alle kompetent genug geschrieben und auch die Schauspieler und Synchronsprecher liefern alle eine überzeugende Darstellung ab, aber es fällt doch schwer, sich als Zuschauer emotional zu investieren und deswegen wirken die emotionalen Momente der Story oft nicht so, wie sich die Autoren sich das vielleicht gewünscht hätten.

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Die Rückkehr des Cover-Shooters

Cineasmus hin oder her, The Order 1886 ist am Ende des Tages immer noch ein Videospiel und füllt daher seine zahlreichen Cutscenes natürlich mit Gameplay auf. Dieses kommt in der Form eines typischen Third-Person-Cover Shooters, wie man sie vor ein paar Jahren auf ihrer Hochzeit erlebt hat. Ihr könnt euch also darauf einstellen, euch hinter jeder Menge hüfthohen Mauern/Regalen/Hecken zu verkriechen und ab und zu mal hervorzuluken, um ein paar Schüsse zu erwidern. Dazu steht euch ein Arsenal zur Verfügung, welches angesichts der umwerfenden Steampunk-Welt, in der ihr euch befindet, nur halb so interessant ist, wie es sein könnte. Ein elektrischer Bogenwerfer und eine Thermit-Kanone gehören hier schon zu euren kreativsten Optionen. Ansonsten habt ihr mehr oder weniger die Wahl zwischen einer Schrotflinte, zwei Arten von Maschinenpistolen und einem Karabiner-Gewehr. Diese Liste hat natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, repräsentiert aber die Auswahl die ich zu 90% der Zeit zur Verfügung hatte.

Ebenso karg wie eure Auswahl an Waffen gestaltet sich auch das Leveldesign. Während jeder Ort zwar liebevoll hergerichtet worden ist, handelt es sich meistens um enge Schläuche, die euch ohne viele Umwege zum nächsten Setpiece geleiten. Dort gibt es dann meistens eine Auseinandersetzung mit dem Kanonenfutter und weiter geht’s. Apropos Kanonenfutter: Auch das kommt in The Order in wenigen Variationen: Neben dem Standard-Schergen gibt es noch ein paar Variationen wie den Schrotflintenschützen, der hauptsächlich darauf ausgelegt ist, euch aus eurer Deckung hervorzulocken. Leider werden die Gegner mit steigendem Rang auch ziemliche Kugelschwämme, was ein gewisses Gefühl der künstlichen Schwierigkeit weckt.

Die Tricks, die das Spiel in Anspruch nimmt, um ein bisschen Abwechslung zu bieten, sind zahlreich: Von Minigames über Stealth-Passagen bis hin zu zahlreichen Quick-Time-Events wird versucht, den Spieler bei der Stange zu halten. Das funktioniert wenigstens ein bisschen, auch wenn man sich die Schlossknack-Minispielchen auch hätte sparen können.

Und um den Elefant im Raum endlich anzusprechen: Ja, The Order 1886 ist ein relativ kurzes Spiel und die meisten werden es an zwei, drei oder auch vier Abenden durchgespielt haben. Für einen Vollpreis-Titel ist das sicherlich kurz, aber ob das dem Titel letztlich das Genick bricht, sollte jeder für sich entscheiden, da Präferenzen in diesem Bereich wie kaum sonst wo schwanken.

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Grafisch Überragend

Während das Gameplay des Spiels wie aus der Mottenkiste geklaut erscheint, legt The Order 1886 in Sachen Grafik ordentlich vor. Es ist mit Leichtigkeit das bisher schönste Spiel auf der PS4 und kann auch einigen PC-Titeln die Stirn bieten, wenn man Aspekte wie die 30 Frames pro Sekunde (die übrigens bombenfest laufen) und die dicken fetten schwarzen Streifen am oberen und unteren Bildschirmrand geflissentlich ignoriert. Mit Produktionswerten, die durch die Decke steigen findet man in diesem Spiel hochauflösende Texturen, eine phänomenale Beleuchtung und wunderschöne Partikeleffekte. Glücklicherweise wussten die Entwickler mit einer solchen rohen technischen Kraft auch umzugehen, denn die umwerfende Ästhetik des Spiels verdankt es auch seiner Art Direction. Wenn die Spielwelt der beste Punkt des Spiels ist, so wird sie erst durch die detaillierten Umgebungsdetails, die fein modellierten Requisiten und die glaubhaften Animationen, zu dem gemacht, was sie ist.

 

Fazit

Spielerisch fünf Jahre zu spät, grafisch der Primus. So ließe sich The Order 1886 am besten zusammenfassen. Als ein Spiel, welches Licht und Schatten in den meisten Bereichen bietet: Mit Steampunk-Setting, das so realistisch wohl noch in keinem anderen Spiel präsentiert wurde, aber einer Geschichte, die nur schwer mitzureißen versteht. Mit Leveln, die spielerisch durch enge Schläuche führen, aber atemberaubend aussehen und einem Waffenarsenal, das Funken von Originalität und sogar Genialität zeigt, nur um anschließend alte Kamellen zu verteilen. Ich wünschte mir, ich hätte die Welt von The Order 1886 in einer anderen Art von Spiel erkunden dürfen, einem mit mehr Freiheit. So wie es steht, ist dem Orden wahre Größe nicht beschieden.

Positiv

  • Geniale Grafik
  • Detailliertes Leveldesign
  • Glaubwürdiges und atmosphörisches Setting
  • Tolles Art-Design

Negativ

  • Angestaubtes Gameplay
  • Etwas zu kurz
  • Wenig Abwechslung bei den Gegnertypen
7