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Titanfall 2 – Ein Gebet nach Mecha

Von Ole Oetjen am 16. November 2016

2014 sägte ein Xbox One-exklusiver Shooter am Genrethron der First-Person Shooter, den sich Battlefield und Call of Duty teilten. 2 Jahre später fordert Titanfall 2 die namhafte Konkurrenz erneut heraus – und fährt dabei große Geschütze auf!

Titanfall 2: Die Seele des Titanen

Wie wichtig ist eine gute Singleplayer-Kampagne in einem Genre, das beinahe ausschließlich vom Multiplayer dominiert wird? Call of Duty und Battlefield beantworten diese Frage Jahr für Jahr ein bisschen anders, sind sich aber im Großen und Ganzen einig, dass der Multiplayer das Fleisch am Knochen bildet. Overwatch verzichtet gänzlich auf eine Singleplayer-Kampagne und streut dafür Lore durch Dialoge der Helden und gut dosierte Story-Fetzen online.

Titanfall 2 beinhaltet im Gegensatz zum Vorgänger eine Kampagne, die diesen Namen auch verdient. Und so viel sei bereits verraten: Wir waren von der Kampagne äußerst angetan! Hatten wir uns im Vorfeld auf eine recht stupide Pflichtaufgabe eingestellt, überraschten die 9 Missionen der Story äußerst positiv. Doch der Reihe nach.

Wallruns und co.

Zu Beginn von Titanfall 2 werden wir durch einen Hindernisparcours geschickt. Dem Gauntlet. Dieser dient sowohl dem Spieler als auch dem Protagonisten Jack Cooper als Tutorial, um sich mit den Grundlagen des Movements und den Waffen vertraut zu machen. Bereits auf diesen ersten paar Metern schlägt das Parcours-Feeling voll durch. Wir sprinten; rutschen auf den Knien unter Rollläden hindurch während wir Ziele eliminieren; laufen an den Wänden entlang und mithilfe des Jumppacks über Hindernisse ohne den Boden berühren zu müssen. Nach kurzer Eingewöhnung – die Steuerung ist leider nicht frei konfigurierbar – gelingen uns schon viele Manöver und das erste Flowgefühl stellt sich ein. Ein Blick auf die Bestzeiten im Gauntlet macht uns aber auch schnell begreiflich, dass wir noch viel zu lernen haben und eine ganze Menge aus dem Movement herauszuholen ist.

    Kein Pilot ohne Titan

    Doch Titanfall wäre nicht Titanfall wenn wir ununterbrochen per pedes unterwegs wären. Nachdem unser Training ein abruptes Ende findet und wir als Infanterist auf einen Planeten geschossen werden, eröffnet sich uns schon bald die Gelegenheit als provisorischer Pilot in den Titan BT-7274 zu steigen. Im Cockpit sind unsere Parcours-Skills zwar bedeutungslos, aber dennoch bewegen wir uns immer noch verhältnismäßig flink. Der größte Vorteil in einem tonnenschweren Stahlkoloss zu sitzen ist jedoch, dass man in einem tonnenschweren Stahlkoloss sitzt:

    Schwere Geschütze, Flammenwerfer, riesige Katanas, zielsuchende Raketen, wuchtige Laser oder eine Harpunenkanone stehen uns in der Offensive zur Verfügung. Damit wir im Gegenzug nicht von den Waffen der feindlichen Titanen zerstört werden, stehen uns auch defensive Systeme zur Verfügung wie ein Schutzschild der Projektile aufhält und zum Absender zurückschicken kann. Bis zu 8 verschiedene Loadouts lassen sich in der Kampagne finden und jederzeit auf Knopfdruck wechseln. Die unterschiedlichen Waffensysteme zu einem individuellen Super-Loadout zu kombinieren wie im Vorgänger ist jedoch  nicht mehr möglich.

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    Unser erstes Aufeinandertreffen mit unserem neuen BFF

    Kein Plot ohne Titanen

    Dass uns die Kampagne so gut gefiel liegt an vielen Dingen. Die gute Steuerung, das Movement und die brachialen Titanen haben wir bereits besprochen. Das richtig gelungene Leveldesign beleuchten wir in Kürze. Zunächst wollen wir jedoch kurz auf die Story und die Charaktere eingehen – die leider keinen Originalitätspreis verdient haben.

    Der Protagonist wächst leider nie über seine Rolle als farblose Hülle hinaus und bleibt so generisch wie sein Name: Jack Cooper. Hätte ich für jede Hauptfigur in Actionspielen und –filmen mit dem Namen Jack einen Dollar bekommen, würde ich wohl demnächst ins Weiße Haus einziehen.

    Ähnlich rundgelutscht präsentiert sich der gesamte Konflikt in Titanfall 2. Auf der einen Seite haben wir das böse Industriekonglomerat IMC. Auf der anderen Seite die Rebellen der Militia. Wir wollen selbstredend den Krieg für die guten Jungs beenden und müssen uns daher mit einem ganzen Haufen Söldnern niedriger Gesinnung herumschlagen. Hin und wieder stehen uns deren Anführer in zwar spaßigen aber uninspirierten Bosskämpfen gegenüber. Hier verschenkt Titanfall 2 eine ganze Menge Potential. Denn während wir den Feinden über Funk lauschen – vor allem dem deutschen Fiesling Richter – malen wir uns im Kopf Geschichten, Wendungen und Konfrontationen aus. Titanfall 2 bedient sich hier aus dem Playbook von Borderlands 2 – eine Erwartungshaltung, die die Charaktere letzten Endes nicht erfüllen kann. Aber immerhin: Unser Interesse wird geweckt und das kann auch nicht jeder Shooter von sich behaupten.

    Das beste Story-Element in Titanfall 2 ist bezeichnenderweise ein  ebenfalls sehr abgenutztes Set-Piece: Die Beziehung zwischen dem Menschen Jack Cooper und dem mechanischen BT. In der Popkultur wurde diese Schneise bereits von Terminator 2, The Iron Giant oder auch Baymax breit ausgetreten. Dennoch funktioniert der Kniff mit der Maschine mit der man sich graduell anfreundet auch hier wieder. BT ist ein sympathischer Charakter, der zwar ebenso hinter seinem Potential zurückbleibt, uns aber dennoch ans Herz wächst. Nicht innovativ, aber effektiv.

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    Auf Typhon beginnt eine Reise, die Mensch und Maschine näher zusammenbringen wird.

    Design a la bonne heure

    Der Grund warum wir von der Kampagne so angetan waren, ist in erster Linie das Leveldesign. Respawn Entertainment hat es geschafft eine, wenn auch nur sechsstündige, Kampagne ohne Längen zu kreieren. Und damit meine ich nicht, dass ständig etwas explodiert und man in einer nicht enden wollenden Action-Achterbahn sitzt. In der Kampagne von Titanfall 2 stimmt einfach die Balance. Wir reisen durch vielfältige Schauplätze, bei denen sich Außen- und Innenareale abwechseln und schicke Partikel- und Lichteffekte bieten. Flüssige 60 fps tun ihr übriges das Auge zu erfreuen. Und jedes Level profitiert enorm von dem Spaß, den man durch das Movement von Cooper erfährt.

    Der Titel hält die Balance aus brachialer Action, bei der wir aus dem Titan heraus unsere Schlachten schlagen, Shooterpassagen und Abschnitten, in denen unser Geschick gefordert ist. Angereichert werden die Elemente durch herausragende Designentscheidungen. Titanfall 2 beinhaltet mein Lieblingslevel des Jahres 2016. In einer Manufaktur, in der Gebäude für Testgelände am Fließband hergestellt werden, geraten wir auf das Förderband und erleben so den Prozess, wie um uns herum ein Haus zusammengesetzt wird. Währenddessen werden wir um alle Achsen gedreht, weichen Konstruktionsmaschinen aus und springen zwischen Fabrikboden und Fließband hin und her, um uns unserer Feinde zu erwehren.

    Mein anderes abolutes Highlight aus der Kampagne involviert ein kleines Gadget am Handgelenk und soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden. Stattdessen bin ich jetzt irre nervtötend und sage nur, wie sagenhaft gut mir betreffendes Level gefiel und dass ich es nicht zum letzten Mal gespielt haben werde!

    Durch die Bank solide

    Doch auch wenn der Singleplayer so gut ist, dass man ihn gern auch noch ein zweites Mal spielen kann, ist der Motor des Spielspaßes in Titanfall 2 immer noch der Multiplayer. Das Beste auch hier vorneweg: Die Server laufen absolut bombig. Sie sind absolut stabil und waren im Test immer erreichbar und ohne Abbruch. Und das seit Launch – Chapeau!

    Titanfall 2 bietet ganze zwölf Multiplayermodi an. Hier tricksen EA und Respawn jedoch ein wenig, da die Modi „Variety Pack“  und „T-Day“ eigentlich nur Playlists sind, die andere Modi zusammenfassen. Unter den restlichen zehn verbergen sich die zeitlosen Klassiker wie (Team) Deatchmatch, Capture the Flag oder Last Titan Standing, in dem ausschließlich aus dem Titan heraus gekämpft wird. Das Pendant, den Modus ganz ohne Titans gibt es selbstverständlich auch.

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    Mit dem Schwert können wir uns vor feinlichem Feuer schützen

    Unser Lieblingsmodus hört auf den Namen „Bounty Hunt“. Hier stehen sich zwei Fünferteams gegenüber. Ziel der Maps ist es, vor dem gegnerischen Team eine bestimmte Anzahl von Credits auf die Bank zu bringen. Geld gibt es durch das Verdienen von Kopfgeldern, die vom Computer zufällig auf KI-gesteuerte Mechs oder Grunts ausgesetzt werden. In gewissen Intervallen werden Bankterminals geöffnet, auf die wir das verdiente Geld einzahlen müssen. Der Haken: Werden wir von einem gegnerischen Spieler erlegt, beraubt er uns der Hälfte an Credits.

    Hat also jemand eine Glückssträhne was erspielte Kopfgelder betrifft entspinnt sich ein nervenaufreibender Überlebenskampf. Das eigene Team versucht ein Bankdepot für den erfolgreichen Kopfgeldjäger zu sichern, während das gegnerische Team dort womöglich schon Heckenschützen postiert hat oder mit Titanen patrouilliert. Wie in jedem teambasierten Shooter profitiert ein Squad enorm davon, wenn zwischen den Mitgliedern Kommunikation herrscht. Anders als bei Overwatch etwa, bietet Titanfall 2 jedoch auch genug Möglichkeiten für Einzelkämpfer sich in Multiplayerschlachten auszuzeichnen.

    Das ultimative Beispiel ist hier das Kolosseum. Ein Arenamodus, in dem sich Spieler schnelle 1 vs. 1 Gefechte liefern können und der einige, auch kosmetische, Belohnungen für erfolgreiche Kämpfer ausspucken kann – jedoch muss man auch 10 Einheiten der Ingamewährung berappen um teilzunehmen: Adrenalinrush garantiert.

    Rasante Schlachten, teils leere Lobbys

    Über alle Modi hinweg sind die Maps sehr gut gelungen und sind maßgeschneidert für die jeweiligen Kartenziele. Tatsächlich gibt es hier keinen einzigen Ausfall. Jede Map nutzt das Move-Spektrum der Piloten sehr gut, ermöglicht schnelle Navigation aber auch Rückzugsmöglichkeiten gegen die mächtigen Titanen. Zudem hat jede der unterschiedlichen Pilotenklassen seine Daseinsberechtigung: Sniper auf Häuserdächern profitieren enorm vom temporären Tarnmantel. Piloten mit dem Enterhaken sind ungemein flink und ein Alptraum für Titanen und der aufstellbare Schutzschild ist besonders bei der Verteidigung von befestigten Stellungen von unschätzbarem Wert.

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    Der Scorcher ist eine Geheimwaffe auf dem Schlachtfeld

    Ähnliches lässt sich über die verschiedenen Titanen-Loadouts konstatieren. Während Einzelkämpfern ein mächtiger Legion-Titan als das das Non-Plus-Ultra erscheint, können gut funktionierende Teams jede Art Titan gewinnbringend einsetzen. Der Scorcher mit seinen Feuergranaten und explodierenden Benzintanks hat zwar im 1 vs. 1 kaum Chancen im Fernkampf, verfügt aber über die beste Crowdcontrol aller Titanen wenn er Teile des Schlachtfeldes entzündet und unpassierbar macht. Insgesamt haben die Entwickler beim Balancing wirklich ganze Arbeit geleistet. Weder eine bestimmte Piloten- oder Titanenklasse ist übermächtig und es gibt zwischen den Klassen tolle Synergien. Zwischen erprobten Teams entspinnen sich so packende Schlachten in denen Piloten mit Greifhaken auf feindliche Titanen springen, Energiezellen aus dem Chassis reißen, diese einem verbündeten Titanen einbauen, der daraufhin in den Himmel steigt und tödliche Raketen auf den Feind herniederregnen lässt. Flüssigere, actionreichere Schlachten mit so großen taktischen Möglichkeiten sieht man sonst selten!

    Möchte man Respawn und EA doch etwas vorwerfen so könnte man den fragwürdigen Releasetermin nennen. Titanfall 2 tritt in direkte Konkurrenz zu Call of Duty: Infinite Warfare und Battlefield 1. Und während man ohne weiteres der Meinung sein kann, dass sich Titanfall vor der Konkurrenz qualitativ nicht verstecken muss, leidet Titanfall 2 doch unter den Schatten der mächtigen Nebenbuhler. Im Test gab es selbst ein paar Tage nach offiziellem Launch Spielmodi, deren Lobbys auffallend leer waren, was sich wiederum negativ aufs Matchmaking auswirkte. Eine Schande, denn in Titanfall 2 gibt es so viel freizuschalten, dass man ohne weiteres einen Großteil seines Urlaubs in das Spiel investieren könnte, ohne dass man als Spieler die Motivation verliert!

    Fazit:

    In meiner Guilty Pleasure-Serie How I Met Your Mother gibt es das schöne Zitat: „If you have chemistry you only need one other thing, timing. But timing is a bitch.“

    Dieser Satz steht nun vermutlich bei Respawn Entertainment als Mahnmal an der Bürowand geschrieben. Denn die Chemie stimmt bei Titanfall 2! In der Kampagne wird das flüssige, temporeiche und unfassbar gute Gunplay mit enormer Kreativität im Design zusammengeführt. So kurzweilige Missionen haben wir schon lang nicht mehr in einem Shooter spielen dürfen. Da fiel es nicht einmal sonderlich ins Gewicht, dass man bei der generischen Story und den flachen Charakteren eine Menge Potential liegen ließ.

    Auch im Multiplayer stimmt der Mix. Ein großer Umfang von Waffen und Karten – der kostenlos erweitert werden wird! – trifft auf flotte Schlachten und taktische Freiräume. Garniert mit absolutem Spektakel beim Kampf zwischen Piloten und Titanen gibt es hier fast nichts zu meckern.

    Aber: Timing is a bitch. Der Herbst gehört beinahe traditionell den Schwergewichten Call of Duty und Battlefield – interessanterweise auch ein EA-Titel. Und so ist es vermutlich nicht verwunderlich, dass wir bereits jetzt Schwierigkeiten haben zu bestimmten Uhrzeiten Mitspieler zu finden. Wir befürchten, dass Titanfall 2 abseits vom Rampenlicht eingehen wird. Und das hätte dieser sehr gute Shooter nicht verdient!

    Positiv

    • schnelles und flüssiges Gameplay
    • Kampagne fantasievoll inszeniert
    • tolles Map-Design
    • gelungenes Balancing im Multiplayer
    • Spielspaß für unzählige Stunden

    Negativ

    • platte Story
    • Kein "Couch-Coop"
    • Matchmaking mitunter suboptimal
    8.5

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