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Unravel – Der rote Faden der Erinnerung

Von Kevin Köhler am 21. Februar 2016

Ein Spiel wie ein Ausflug in die Natur. So lässt sich der erste Eindruck, den Unravel bei mir auf der Gamescom 2015 hinterließ, wohl am besten zusammenfassen. Nun ist der ungewöhnliche Titel vom kleinen, schwedischen Entwicklerstudio Coldwood Interactive erschienen. Wie viel Spiel steckt hinter der ansehnlichen Fassade? Kann Unravel mehr als gut aussehen? Die Antwort im Test.

Liebenswert, liebenswerter, Yarnie

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Ich hätte nicht gedacht, dass mir auf meine alten Tage ein Wollknäuel noch Emotionen entlocken kann. Aber Yarnie ist so liebevoll designt, dass er es tatsächlich schafft mich zum Schmunzeln und zum Seufzen zu bringen. Wenn Yarnie nass wird, schüttelt er sich, wenn es kalt ist, kreuzt er seine dünnen Ärmchen vor dem Körper, weil er friert. Und wenn er durch die Natur wandert, guckt er staunend Schmetterlingen hinterher. Yarny ist ohne Frage der liebenswerteste Videospielcharakter, der mir bisher untergekommen ist.  Es ist eine kindliche Faszination die der Charakter wiederspiegelt und auch beim Spieler wecken kann, wenn man sich auf die Stimmung von Unravel einlässt.

Balsam für Augen und Seele

Neben dem ungewöhnlichen Protagonisten, stechen bei Unravel vor allem die schönen Hintergründe sofort ins Auge. Wie Entwickler Coldwood Interactive mitteilt, hat man sich dabei von der Natur Nordschwedens inspirieren lassen und diese Inspiration hat gefruchtet. Mit Yarnie an einen Lenkdrachen geheftet durch die Nadelwälder zu fliegen, ist eine ästhetische Erfahrung die fast meditativen Charakter entwickelt. Das Spiel bringt viele unterschiedliche Umgebungen mit und führt den Spieler neben Sommer- und Herbstlandschaften auch in verschneite Wäldchen oder etwa ans Meer. Dabei wird die Umgebung immer wieder in kleineren Passagen ins Spiel integriert, etwa durch eine (sehr kurze) Bootsfahrt oder wenn Yarnie dem Wellengang ausweichen muss.

Nostalgie und Vergänglichkeit

Yarny Child Memories

Schöne Kindheitserinnerungen, die Yarnie sammelt illustrieren den nostalgischen Ton des Spiels.

Was die Handlung und Symbolik des Spiels angeht, sind Yarnies Abenteuer in vielerlei Hinsicht eine interessante Metapher. Sie handeln vom „roten Faden“ der Erinnerung und von Verlust und Vergänglichkeit. Yarnie sammelt in den unterschiedlichen Leveln Abbilder der Vergangenheit ein, kann diese jedoch nicht wirklich festhalten. Die Abbilder, in Form von Energiekugeln, lassen sich zwar einsammeln, verflüchtigen sich aber sogleich wieder.  Eine dauerhafte Form die Erinnerungen zu bewahren, sind die kleinen Stickereien aus Garn, die der Spieler am Ende eines jeden Levels sammelt. Unravel zeigt also, Erinnerungen sind flüchtig, aber (gestickte) Andenken helfen uns diese zu bewahren. In gewisser Hinsicht ist Yarnie selbst eine Verkörperung des Bedürfnisses in schönen Erinnerungen zu schwelgen und des Versuchs diese durch Andenken festzuhalten, wie im Intro des Spiels zu sehen ist. Dort wird Yarnie von einer alten Frau gestickt, die bedrückt und allein wirkt. Es ist nun Yarnies Mission ihr zu zeigen, wie erfüllt und ereignisreich ihr Leben war.

Der Abwechslungsreichtum der Hintergründe setzt sich zuweilen auch in der Stimmung fort. Neben der Vergänglichkeit schöner Kindheitserinnerungen, thematisiert das Spiel auch den Verlust der natürlichen Schönheit, die es so gekonnt zur Schau stellt. Neben bunten, lebensfrohen Landschaften wie Wälder und Berge, stößt Yarnie im Verlauf des Spiels zunehmend auch auf unschönere Gefilde. So findet er etwa  Spuren von Umweltverschmutzung und muss  Tümpel giftig-grüner Flüssigkeit überwinden. Die Vergänglichkeit des Lebens selbst und der Tod sind gegen Ende des Spiels dominierende Themen und Unravel versucht diese angemessen zu illustrieren ohne jedoch allzu konkret zu werden. Doch diese überhaupt in dieser Form aufzugreifen zeichnet es als für das Genre recht ungewöhnlich nachdenklichen Titel aus. 

Rätselspaß ohne Revolution

Unravel bietet clevere Ideen rund um das Auf- und Abwickeln von Yarnys Garn. Neben dem schwingen über Hindernisse kann Yarny Knoten machen und somit neue Verbindungen schaffen, die als Trampolin dienen oder dazu einen Gegenstand von einem Ort zum nächsten zu ziehen. Ein cleveres Prinzip, zumindest für die ersten zwei oder drei Levels. Denn so unkonventionell die Symbolik und so herausragend das Design von Unravel sind, so vergleichsweise gewöhnlich ist seine Spielmechanik. Wo andere Indie-Titel wie Blind Forest nach und nach neue Fähigkeiten einführen und etwa zwischen langsamen Passagen und schnellen Actionsequenzen wechseln, spult Unravel bereits in der ersten Welt sein volles Programm ab.

Die kommenden fünf Stunden heißt es also von Punkt zu Punkt schwingen, Knoten machen und Gegenstände umher schieben. Dies macht zwar Spaß, wird nach einigen Stunden aber auch ein wenig eintönig.

Fazit:

Unravel ist ein wirklich schönes Spiel, im wahrsten Sinne des Wortes. Der knuffige Protagonist, die brillanten Hintergründe und die kniffligen Rätsel ergeben ein sehr rundes Gesamtbild, dass mir viel Spaß gemacht hat. Wer sich darauf einlässt, bekommt ein fast meditatives Spielerlebnis, mit viel interessanter Symbolik und forderndem Anspruch. Auch wenn die Spielmechanik von Unravel nicht gerade einen Innovationspreis gewinnt, und es in Sachen Umfang eher bescheiden daher kommt, ist es ein Kleinod abseits vom Bombast des Mainstreams. Wer also auf der Suche nach einem ruhigen, ästhetisch ansprechenden Titel mit eher klassischer Spielmechanik ist, sollte bei Unravel unbedingt zugreifen.

Positiv

  • Grandioses Design
  • Steigender Anspruch
  • Interessante Symbolik
  • Gelungene Rätselmechanik
  • Atmosphärische Musik und Effekte
  • Butterweiche Steuerung

Negativ

  • Story bleibt hinter Potenzial zurück
  • Mechanik mit der Zeit etwas eintönig
  • Geringer Umfang
8.5