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Valkyria Revolution im Test – Wenn der Aufstand scheitert…

Was war Valkyria Chronicles für ein Überraschungshit im Jahr 2008. Dank des innovativen, rundenbasierten RPG-Hybrid-Kampfsystems und der gelungenen Präsentation, gelang es dem Titel recht schnell, eine eigene Gefolgschaft aufzubauen. Auch wenn der ganz große Durchbruch ausblieb, so reichte es doch für zwei direkte Nachfolger im Jahr 2010 und 2011. Diese wurden unverständlicherweise nur noch für die PSP veröffentlicht und gingen daher, war einfach nicht meine Plattform, leider an mir vorbei. Lobenswerterweise gab es dann vor ca. einem Jahr eine Remastered Version des grandiosen ersten Teils für PC und PS4. Kleiner Hinweis: Unbedingt nachholen, falls nicht bereits schon geschehen.

Lange Einleitung, kurzer Sinn: Mit Valkyria (in Japan noch zusätzlich: Azure) Revolution steht Ende der Woche, am 30. Juni, ein „neuer“ Teil der japanischen Erfolgsserie in den Startlöchern. Aber hoppla, Sega möchte auf einmal alles anders machen: Die Story und das Setting der Vorgänger wird komplett über den Haufen geworfen und auch spielerisch soll sich einiges ändern. Diese Info hatte ich vor dem Anspielen übrigens auch schon wieder verdrängt, vermutlich, weil es sich bereits bei der Ankündigung recht sinnfrei anhörte und das Alter nicht spurlos an meinem Langzeitgedächtnis vorbeigeht. Da neige ich dann doch gerne zu Verdrängung oder besser, Hoffnung. Ich wurde aber recht schnell eines Besseren belehrt:

„This is a true story“ – Devolution in der Revolution

Den ersten kleinen Schock gibt es direkt zu Spielbeginn: Der charmante Zeichenstil des ersten Teils, mit dem die Revolution ja nichts mehr zu tun haben möchte, ist beinahe verschwunden. Wenige Überreste erinnern noch im Ansatz an die kräftigen, animierten Strichzeichnungen der gallianischen Kämpfer der Chronicles. Dafür gibt es jetzt eine eher aufgesetzt wirkende Effektüberlagerung mit Leinwand- und Strichzeichnungselementen. Auch der Rest sieht eher nach Mainstream Anime aus und relativiert den einstmals einzigartigen Stil. Das ist per se auch nicht weiter dramatisch, bleibt aber schade, hier wäre eine konsequentere Fortführung als Erkennungsmerkmal der Serie wünschenswert gewesen. In der vorliegenden Form wirkt es schlicht und ergreifend unrund und etwas erzwungen aufgesetzt. Freunde japanischer Rollenspiele und Animes werden damit aber vermutlich trotzdem klar kommen, vorausgesetzt man kann sich mit dem Charakterdesign aus der Nippon Zeichentrick-Retorte einigermaßen anfreunden. Und ja, es gibt Brüste, eingequetschte, seltsame Brüste.

Was trotz der Neuausrichtung geblieben ist: Basis Bestandteile und Terminologien der Ursprungsreihe finden sich auch in Valkyria Revolution wieder. Es spielt erneut in einer alternativen Version Europas samt Steampunk Einflüssen und Kriegsanleihen, dieses Mal jedoch mehr Bismarck und weniger World War II. Der Konflikt wirkt insgesamt weniger episch und konzentriert sich auf die von der Geschichte vermutlich zu Unrecht verurteilten „Fünf Verräter“. Die Art der Erzählung hat dabei durchaus ihren Charme, der Dialog zwischen Student und Professorin inklusive Geschichtsbuch, Lexikon und Zusatzepisoden hat einiges an Potenzial und erinnert in diesem Fall im positiven Sinne an die Präsentation in Valkyria Chronicles. Leider scheitert es daran, die Dimension des Konflikts zu vermitteln, dafür fehlt es den Prota- als auch Antagonisten einfach an Profil. Lassen wir die Professorin doch einfach mal ihre „wahre Geschichte“ der Geschehnisse erzählen.

Valkyria Warriors anyone?

Auf den Ersten folgt der Zweite: Spielerisch hat es tatsächlich kaum noch Gemeinsamkeiten mit den großartigen und fordernden rundenbasierten Kämpfen des Vorgängers. Bekriegt wird sich meist in Pseudo-Echtzeit, ausweichen, blocken und angreifen haben dabei direkt einen eigens dafür zugewiesenen Button auf dem Controller. Mit dem Vierten darf man dann pausieren und komplexere Aktionen ausführen um z.B. eine Waffe abzufeuern, Items einzuwerfen oder auch elementbasierte Zaubersprüche zu wirken. Voraussetzung für die Ausführung ist dabei eine am Charakterportrait auf der linken Seite des Screens angebrachte Gauge. Nur wenn diese gefüllt ist, kann eine Aktion auch tatsächlich ausgelöst werden. Es spielt sich also nicht ganz wie ein Hack’n’Slay Action-RPG, kommt diesem jedoch näher als das rundenbasierte System der Chroniken.

Wie man bereits herauslesen kann, hat Valkyria Revolution ein konkretes Problem: Es muss sich konstant an der Ursprungsserie messen lassen. Es wäre vermutlich sinnvoller gewesen, eine neue Marke auf die Beine zu stellen. Nachdem der erste Gameplay-Schock überwunden und der Datenträger vor Enttäuschung beinahe aus dem Laufwerk geflogen wäre, kam doch noch so etwas wie Spielspaß auf. Die Kämpfe spielen sich recht dynamisch und werden durch die unterschiedlichen Klassen, Waffenarten als auch Zaubersprüche aufgewertet. Gegnergruppen lassen sich über Deckungsmechaniken leise von hinten ausschalten und wer sich die Mühe macht, Kommandeure zuerst zu eliminieren sorgt für verängstigte und abgeschwächte Gegnergruppen. Mechs lassen sich gezielt auseinandernehmen, zuerst geht man den mechanischen Ungetümen an die Stelzen, und sobald diese dann zu Boden gehen, nimmt auch der Lebensbalken etwas schneller ab bei konstanter Beharkung mit dem überdimensionierten Ragniteschwert. Die eingesetzte Waffe ist dabei abhängig von der Klasse des gesteuerten Charakters, während der Kämpfe kann man via Digitalkreuz durch die (bis zu) Vierer-Gruppe durchschalten. Eine komplexe KI sollte man hier jedoch nicht erwarten.

Aber, wo Licht ist, ist der Schatten leider nicht fern. Die Haupt-Missionen laufen fast immer gleich ab und in irgendeiner Phase des Kampfes taucht auf der Map ein (Mini-)Boss auf. Hier gilt es die Angriffsmuster zu analysieren und Schwachstellen aufzudecken. Könnte spaßig sein, spielt sich hier aber leider nur recht anstrengend und bricht mit dem eher schnellen, dynamischen Vorgeplänkel in der Mission. Das Bulletsponge Design dieser Abschnitte überzeugt nicht und gibt einem nicht das Gefühl, den Kampf tatsächlich kontrollieren zu können.

Am Ende wartet natürlich noch die für das Genre fast schon obligatorische Bewertung auf euch. Wart ihr schnell und habt alle Feinde effizient besiegt gibt es ein S. Wer trödelt, driftet Richtung einer enttäuschenden „D“ Wertung ab.

Ämleth, die Ruzain sin doo

RPG Elemente gibt es natürlich(?) weiterhin. Zwischen den Missionen, während quasi die „richtige“ Geschichte von der Professorin erzählt wird, wandert der Protagonist der Geschichte – Amleth Gronkjaer – durch diverse Szenarien in Jutland. Auf der stimmungsvoll präsentierten Promenade der Hauptstadt werden Gespräche geführt, Ausrüstungsgegenstände und diverse Materialien gekauft und verkauft. In der Waffenfabrik – diese gehört ebenfalls einem der „Fünf Verräter“ – wird nach neuen Waffen geforscht und Fähigkeiten mit Ragnite aufgelevelt. In der „Bumbling Bard“ Kneipe gilt es Gerüchte aufzuschnappen und auf dem Friedhof Gedenken wir der gefallenen Kameraden. Zwischen den Missionen finden hier auch storyrelevante Szenen statt. Die oftmals leider etwas eintönigen Zwischensequenzen der insgesamt 12 Kapitel (inkl. Prolog und Finale) können später, zur Rekapitulation der Geschichte, erneut abgespielt werden. Ein Wechsel in die Erzähl-„Zukunft“ ist in den Szenarien jederzeit möglich, per „Options“ kann man speichern und nach „Richelle“, dort sitzen Student und Professorin, zurückkehren. Hier startet man auch nach jedem Ladevorgang.

Wer alles erledigt hat, wählt das Hauptquartier als Ziel und begibt sich auf die nächste Mission. Bevor es losgeht, lässt sich das Team zusammenstellen und das Inventar aufstocken. Man möchte in den hitzigen Gefechten natürlich nicht ohne Bandagen dastehen. Für das erledigen bestimmter Aufgaben, wie z.B. die Anzahl gewonnener Schlachten, gibt es noch separate Belohnungen.

Auf der Missionskarte sind neben den die Story vorantreibenden Hauptmissionen noch einige wiederholbare Nebenmissionen, die zum Level, Geld und Material farmen, missbraucht werden dürfen, markiert. Spielerisch warten hier keine großen Herausforderungen auf euch, zusätzlich sorgen optionale taktische Missionen auch für Vorteile in den Hauptkämpfen.

Soll ich trotzdem?

Jein! Das größte Problem von Valkyria Revolution ist tatsächlich, dass es in allen Aspekten gegen Valkyria Chronicles haushoch verliert. Wer den/die Vorgänger nicht kennt, hat auch direkt einige Kritikpunkte weniger. Diese kann ich hier aber leider nicht wegdiskutieren oder vollständig ausblenden. Was sich SEGA bzw. die Entwickler von Media.Vision dabei gedacht haben, das grundsolide und 2008 auch noch recht innovative System zu pervertieren? Ich weiß es nicht. Eine Revolution sieht zumindest anders aus.

Nimmt man diesen Aspekt weg, bleibt ein im besten Fall solides, taktisches Action-RPG übrig, mit dem man durchaus mehrere Stunden Spaß haben kann. Vorausgesetzt man ist bereit, sich durch die immer wieder auftauchenden Designmängel des Titels durchzukämpfen. Dies gilt auch für die etwas langatmige Geschichte, wobei einige Überraschungen und Wendungen im Laufe der Spielzeit fast schon wieder versöhnen. Eine gewisses Maß an Leidensfähigkeit sollte man dennoch besser mitbringen.

Trotzdem enttäuscht mich Valkyria Revolution auf ganzer Linie, unfassbar, wie viel Potenzial hier verschenkt wurde. Die Wertung fällt noch recht moderat aus, die unverbindliche Preisempfehlung von 39,99 EUR direkt zum Launch inkl. Soundtrack CD  (hatte da SEGA schon kein gutes Gefühl?) und der große Spielumfang von 40-50 Std. fließen hier natürlich mit ein. Kenner der Serie legen jedoch die Taschentücher bereit und ziehen direkt noch einen Punkt wenn nicht sogar zwei ab. Achja, der Soundtrack aus der Feder von Yasunori Mitsuda ist toll!

Ein abschließendes GNAAARRRGHHHHH SEGA WARUM!? sei mir noch erlaubt

 

Positiv

  • schöne Inszenierung und Design
  • umfangreiche Spielzeit
  • komplexe Spielmechaniken

Negativ

  • diverse Designmängel im pervertierten Kampfsystem
  • Retortendesign der Charaktere
  • langatmige Story
6.5

In den wilden 80ern am Grünmonitor eines Schneider CPC 6128 aufgewachsen. Erste Gehversuche mit ASM, Happy Computer und PowerPlay. Hobby über die Jahre, dank ausgeprägter Amiga 500 Sucht, sowie massiver Sonic Raserei auf dem heiß geliebten Sega Mega Drive, intensiviert. Züchtet gerade erfolgreich die nächste Zockergeneration und kann, trotz annähernd biblischen Alters, noch immer keinem Controller widerstehen.

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