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WWE 2K16 – WWE: Willkommen Werte Ehrengäste

Von Ole Oetjen am 2. November 2015

„Austin 3:16 says I’ll whoop your ass!“ – Stone Cold ist das Gesicht der Marketing-Maschinerie, die hinter WWE 2K16 steht. Ob der womöglich größte Superstar der WWE damit Pate für ein gelungenes Spiel steht oder er in der Midcard versauert, gibt es in diesem, viel zu persönlichen, Test zu lesen. Vorausgesetzt der Autor entscheidet sich irgendwann dazu, tatsächlich über das Spiel zu reden.

[Disclaimer: Der eigentlicheTest beginnt mit der Überschrift: „Brave New World?“]

„Hallo, ich heiße [Name einfügen] und ich steh‘ auf Wrestling!“.

Selbst Barney Stinson aus How I met your mother würde wohl vor der Herausforderung zurückschrecken auf diese Art und Weise mit einer Frau ins Gespräch zu kommen. Ich selbst probiere es gern ab und an auf diesem Weg und muss sagen, die Resonanz hält sich in stark überschaubaren Grenzen. Zum Glück bin ich Spieletester und deswegen stinkreich – das zieht natürlich immer. Ansonsten stehen die Chancen nicht schlecht, dass man angeguckt wird als hätte man die Dame gerade auf einen launigen Hahnenkampf im Keller und ‘ne Palette Dosenbier eingeladen.

Tatsächlich hat Wrestling in der Mitte der Gesellschaft einen schweren Stand. Den Männern reicht das fragmentierte Wissen darüber, dass das alles ja „fake“ sei um zu wissen, dass dieser Sport nicht ernst zu nehmen sein kann. Das schöne Geschlecht stößt hingegen ab, dass Gewalt propagiert wird und dass bei einer WWE-Veranstaltung so viele Steroid-Bomber herumlaufen, dass man Gefahr läuft, von umherfliegenden Powerriegeln erschlagen zu werden. Es stimmt, Wrestling ist für das erwachsene und intelligente Auge auf den ersten Blick nicht besonders anziehend. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir uns hier im Land der Dichter und Denker befinden, aber der gemeine Deutsche findet Wrestling einfach strunzblöd.

Dean Ambrose und Luke Harper machen Feinrip wieder gesellschaftsfähig. Danke Jungs!

Aber trotzdem: Aus meinem vermeintlich misslungenen Kennenlern-Spruch „Ich steh‘ auf Wrestling“ entstand wider Erwarten eine Gruppierung aus acht Freunden, die sich mit Feuereifer Wrestlemania 30 ansahen, obwohl sie vorher nichts mit der WWE am Hut hatte, mit der Geschlechterverteilung 1:1 – Friss das, Nietzsche!

Wie konnte das passieren? Nun, wer sich dem Phänomen Wrestling ganz offen nähert und die drohende Gewissheit akzeptiert in den nächsten Stunden keinen intellektuellen Höhenflug zu erleben, kommt einfach nicht umhin, unterhalten zu werden. Man wird auf so vielen Ebenen bespaßt, dass einfach für jeden etwas dabei sein MUSS! Sei es die fortlaufende Handlung, die sich in seiner Absurdität und „Dramaturgie“ vor keiner deutschen Soap zu verstecken braucht oder die Superstars, die neben der optischen Imposanz ein Talent für Schwalben mitbringen, das selbst Andi Möller vor Neid erblassen lässt. Seien es die flotten, athletischen Matches der Akteure oder die außergewöhnliche Stimmung und die Gruppendynamik der Crowd bei gelungenen Aktionen oder Reden. Seien es die hervorragend produzierten Videopakete der WWE, die auf Kinotrailer-Niveau funktionieren oder die Musik bei den Auftritten der Wrestler, die jede Lauf-Playlist eines jeden MP3-Players bereichern kann. Lasst euch von einem Messdiener der Kirche des Bizeps in die Welt des Wrestlings einführen, schaut vielleicht sogar mal bei einer Live-Veranstaltung vorbei und ich verspreche euch, ihr werdet etwas finden was euch gefällt.

Zugegeben, keiner der 8 ist im Anschluss zu einem glühenden Fan der WWE geworden – man steht ihr aber im Großen und Ganzen wohlwollend gegenüber und lässt sich von mir ausgewählte Matches zeigen und über den Storyverlauf updaten („Was ist jetzt eigentlich mit diesem Yes!-Yes!-Yes!-Typen?“; „Ich hab neulich John Cena im Kino gesehen – echt geiler Typ!“). Es sind diese kleinen Dinge, die mich als Missionar des move-lastigen Muskelspiels erfreuen. Und auch wenn sie sich daheim niemals eine dreistündige RAW-Ausgabe pro Woche geben würden, eine kleine Portion Tag-Team-Action in WWE 2K15 war immer drin. Und es gibt wenig was Freude stiftender ist als wenn eine angehende Psychotherapeutin einen gelungenen RKO von Randy Orton durch ein Kommentatorenpult abfeiert (nachdem vorher sein Körperbau eingehend studiert wurde – wie gesagt: Für Jeden was dabei.).

„And that’s the bottom line ‘cause Stone Cold said so!“ – Ein Manifest möchte ja mit einem Zitat enden.

Arnie und der T-800 mischen als Vorbesteller-Bonus mit.

Brave New World?

Das musste an dieser Stelle einfach mal geschrieben werden. Doch nun ist es an der Zeit, das aufgepeitschte Gemüt auf die Temperatur kühler Objektivität herunter zu regeln, die von meiner Zunft verlangt wird.

Fans der WWE-Serie waren mit WWE 2K15 nicht gänzlich zufrieden und bemängelten unter anderem das unausgegorene Kontersystem, zähes Chain-Wrestling, den vergleichsweise schwachen Karrieremodus und die sich schnell wiederholenden Kommentatoren-Statements.

Der letzte Punkt ist immer noch ein Problem. Gerade wenn man sich außerhalb des Rings befindet, lässt Jerry „The King“ Lawler seine Batterie von drei Standardsprüchen los und man möchte reflexartig die Stahltreppe nach ihm werfen. Bei den anderen Punkten haben sich Entwickler Yuke’s und 2K das Feedback der Community wirklich zu Herzen genommen und am Spiel gefeilt.

Kontern mit K(n)öpfchen

Die tiefgreifendste Veränderung betrifft das Kontern gegnerischer Angriffe. Hier wurde das Zeitfenster zum Reagieren etwas weiter gestaltet, dafür jedoch die Anzahl der möglichen Reversals dem Skill des Wrestlers entsprechend limitiert. Es kommt nun also nicht mehr zu einer Kaskade von Kontern – vielmehr haben die Athleten zu Beginn eines Kampfes ein „Konter-Guthaben“. Jede vereitelte Aktion des Gegners bedarf einer dieser 3-5 Punkte, die sich nur langsam im Matchverlauf regenerieren. Auf diese Weise ist nun mehr Taktik gefragt und die Matches werden weniger zum Reaktionstest als beim Vorgänger.

Wieder mit von der Partie ist das bereits angesprochene und im Vorgänger verteufelte Chain-Wrestling. Dieses flutscht nun jedoch deutlich besser und ist nun keine Pflichtübung mehr wie in 2K15. Hier kann man sich nun im Match bewusst dafür oder dagegen entscheiden und diese auch direkt mit spektakuläreren Griffen eröffnen.

Ebenfalls überarbeitet wurden die Pinfalls. Es ist nun insgesamt einfacher sich aus einem Cover zu befreien – übrigens auch für die KI-Kontrahenten, die nun auch häufiger aus einem Finisher auskicken. So entwickeln die Kämpfe eine schöne Dynamik und werden auch für Nicht-Wrestling-Fans interessant, die einfach Lust auf ein etwas anderes Fighting-Game haben.

Oh my god, it’s Sting!

Munteres Stühlerücken im Roster

Das Feld der Gegner ist indes übrigens deutlich bunter geworden. Fast doppelt so viele Superstars und Diven (ca. 120) können nun direkt angewählt oder erspielt werden. Klarer Daumen nach oben! Zwar hätten wir uns auch aktuelle Rückkehrer wie die Dudley Boyz oder Alberto Del Rio gewünscht und im Frauenbereich hat man es tatsächlich geschafft mit Bayley, Becky Lynch, Charlotte und Sasha Banks alle vier Horsewomen auszusparen (von wegen #divasrevolution) aber dennoch kann man angesichts der überwältigenden Auswahl hier wirklich nicht meckern. Und wenn man mit den real existierenden Vorbildern nicht glücklich werden sollte, kann man sich immer noch im Editor austoben und einen eigenen Wrestler inklusive Outfit, Move-Set und Entrance zusammenbasteln.

Der Editor hat zwar noch nicht wieder den Umfang von 2K13, geht aber wieder in die richtige Richtung. Körperteile können nun wieder isoliert verändert und Diven, eigene Shows und Arenen erschaffen werden.

Von NXT in die Hall of Fame

Mit dem im Editor gebastelten Superstar sollte man in jedem Fall dem deutlich verbesserten Karrieremodus einen Besuch abstatten. Hier wird die Karriere des eigenen Nachwuchswrestlers deutlich besser präsentiert als im Vorgänger und ist insgesamt transparenter gestaltet. Bündnisse und Fehden geschehen nun auf eigenen Antrieb hin und sind nicht mehr vom Spiel vorgegeben. Stattdessen gibt es nun für jeden großen Titel eine Rangliste auf der man sich zum Number One Contender hocharbeiten muss, bevor es dann in einem Pay-per-View um den Gürtel selbst geht. Mit Aktionen innerhalb und außerhalb des Ringes und (sehr steifen) Interviews bestimmt man die Face-Heel-Ausrichtung des eigenen Charakters und kann in Fehden sogar in Matches des Rivalen eingreifen, um die Feindschaft richtig aufkochen zu lassen.

Hat man es erst in die Hauptshows geschafft, erteilt einem The Authority für jedes Match Aufträge wie „Kontere einen Signature Move deines Gegners“ oder „Gewinne durch Submission“. Erfüllen wir diese kleinen Quests werden wir mit Erfahrungspunkten belohnt und steigen in der Gunst des Konzerns. Wenn nicht, müssen wir die Suppe auslöffeln..

Allmählich klettern wir so die Leiter nach oben, investieren virtuelles Geld und Erfahrungspunkte in die Verbesserung unseres Kämpfers und schaffen irgendwann den Sprung in die Riege der Hall of Famer.

Einer der Drei wird in absehbarer Zeit von Stone Cold durch eine Windschutzscheibe geworfen..

The Texas Rattlesnake

Der zweite große, motivierende Modus von WWE 2K16 ist wie gehabt der Showcase-Modus, in dem wir die großen Karrieren-Meilensteine von WWE-Legenden nachspielen können. Waren es im Vorgänger noch die Fehden von Shawn Micheals vs. Triple H und CM Punk vs. John Cena, fokussiert sich der neue Teil ganz auf Stone Cold Steve Austin und seinen Werdegang in der WWF und WWE. Angereichert durch alte Videoaufnahmen und von einem gewohnt ausgezeichneten Geschichtenerzähler begleitet, spielen wir die wichtigsten Matches der Texas Rattlesnake, dem Prunkstück der Attitude-Era als Blut, Sex, Schimpfworte und Mittelfinger noch erlaubt waren – kurz: Dem Helden der Arbeiterklasse. In jedem Kampf haben wir bestimmte Aufgaben zu erfüllen, die dann zu geskripteten Ereignissen führen. Auf diese Weise erhalten jüngere Fans und Neueinsteiger in die Materie ein Gefühl dafür, wie Wrestling in den 90ern aussah und warum Stone Cold für Jahre das Aushängeschild war.

Der Showcase-Modus ist sehr um Authentizität bemüht und bringt eigens dafür die Stimme der Kommentatoren-Legende JR zurück ins Spiel, der immer zeitaktuelle Anekdoten zum Besten gibt und sich somit weniger stark wiederholt als das Standardtrio JBL, Michael Cole und Jerry Lawler. Die aus meiner Sicht einzige Designfehlentscheidung hier ist, dass man ausschließlich Stone Cold spielt. Würde man hin und wieder die Kontrolle über die jeweiligen Gegner übernehmen, hätte dies mit Sicherheit zu mehr spielerischer Abwechslung geführt – irgendwann kann man die Lou Thesz Press und den Stunner einfach nicht mehr sehen. Dennoch kann man nach Abschluss der Missionen nicht umhin, sich ein leises „Hell yeah!“ in den Bart zu murmeln.

Fazit

Jetzt habe ich mich also offiziell geoutet: Ich bin Wrestling-Fan und das ist auch gut so! Nach dem eher schwachen, wenn auch spaßigen WWE 2K15 erscheint mit 2K16 nun das wohl beste Wrestling-Spiel der letzten Jahre. Gerade das aufgewertete Kampfsystem, die überarbeitete Karriere und das große Roster überzeugen – nicht nur Wrestling-Fans! Für diese sollte das Spiel aber absolute Pflicht sein und vielleicht ein Werkzeug, die „Ungläubigen“ vom Konzept des Sports-Entertainments zu überzeugen.

Positiv

  • Gute Animationen
  • überarbeitetes Kontersystem
  • Taktikaspekt in den Kämpfen
  • Umfangreicher Editor
  • Viele Stunden Spaß!
  • Gelungene Atmosphäre

Negativ

  • Technisch kaum Fortschritte zum Vorgänger
  • Minispiele in den Kämpfen können nerven
  • Kommentar wiederholt sich zu schnell
8.5