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WWE 2K18 im Test – In der Sackgasse angekommen.

Alle Jahre wieder: Publisher stehen unter der selbstauferlegten Pflicht alle 365 Tage einen neuen Teil ihrer Franchise auf den Markt bringen zu müssen. Was 2K Sports und Entwickler Yuke’s in diesem Jahr mit WWE 2K18 an den Start bringen, haben wir genauer unter die Lupe genommen.

Die jüngsten unter den Lesern werden sich vermutlich nicht mehr erinnern. Aber es gab Zeiten, in denen steckte die Batman-Reihe in den Kinos qualitativ in einer absoluten Krise. Und statt epischen Meisterwerken bekamen wir mit Batman Forever 1995 ein echtes Trash-Fest. Da man sich aber vorgenommen hatte, die Reihe jetzt kontinuierlich weiterzuführen, kam 2 Jahre später bereits Batman & Robin in die Kinos. Und fuhr mit George Clooney, seinen Bat-Nippeln und der Bat-Kreditkarte, das Batmobil und damit die Franchise krachend gegen die Wand. Es benötigte 8 Jahre, andere kreative Köpfe Regisseur und eine grundsätzlich andere Ausrichtung, um der Welt Batman Begins und schließlich The Dark Knight zu schenken. Dies bewies der Welt, was Comicfans schon immer wussten: In der Marke Batman steckte enormes Potential!

Warum zum Geier erzähle ich das? Weil ich glaube, dass die WWE 2K-Reihe sich schon lange in der Batman & Robin-Phase befindet. Nur Liebhaber von trashiger Action mit einem Hang zum Masochismus können die Spiele noch richtig genießen – dabei ist das Potential enorm! Was 2K braucht, sind Ferien von der Marke, um dann gestärkt wieder zurückzukommen. Mit der Ankündigung einer neuen Engine, hatte ich für WWE 2K18 schon Hoffnung. Doch wirklich viel geändert hat sich nicht. Es gibt ein paar neue Animationen im Ring, die teilweise richtig gut aussehen und die Charaktermodelle sind in Teilen detaillierter. Dafür mache ich auch die bessere Beleuchtung verantwortlich.

Aber nach wie vor bewegen sich die Wrestler hölzern und unnatürlich. Viele Wrestler sehen toll aus, genau wie die meisten Entrances fantastisch gelungen sind und wow! Noch nie wurde das Publikum so gut modelliert wie in WWE 2K18! Aber manche Akteure sind eben auch misslungen. Wer sich mal backstage von Stephanie McMahon anschreien lässt und sieht, wie ihre Haare ein Eigenleben entwickeln, wird glauben, eine Kreatur aus The Evil Within 2 vor sich zu haben. Und Bugs im Ring, Slapstick Einlagen und unfreiwillig komische Kollisionen sind ebenfalls noch nicht abgestellt worden.

Gaudi im Seilgeviert?

Damit nicht der falsche Eindruck entsteht, ich könne mit WWE 2K18 nichts anfangen: Es ist mein Guilty Pleasure Spiel No. 1. Und wann immer in einer Männerrunde geklärt werden muss, wer als nächstes Bier holen muss, wird die Sache in einer Elimination Chamber, in einem Ladder-Match oder einem klassischen Fatal Fourway entschieden. Mit Kumpels WWE 2K18 zocken. Es gibt wenig Schöneres. Allerdings mit zwei Einschränkungen.

Numero Uno: Online gibt’s immer kleine Zipperlein. Wenn die Verbindung zwischen den beiden Kontrahenten und dem Server nicht zu 100% perfekt ist, wird ein Match beinahe unspielbar. Es kommt bei Kontern so sehr auf das richtige Timing an, dass die Gefahr besteht, dass der, der zuerst zuschlägt, die nächsten zwei Minuten auf den Gegner eindreschen kann, ohne dass dieser sich wehren kann. Vielleicht liegt das auch an meiner schlechten Leitung, andererseits gibt’s bei Overwatch, FIFA oder Call of Duty keine Probleme.

Zweitens: Sperrigkeit. Als jemand, der seit WWE 2K14 der Serie die Treue hält, fällt es mir kaum noch auf: Aber meine Güte, ist das Kampfsystem mittlerweile überfrachtet. Schläge, Tritte und Würfe funktionieren eigentlich selbsterklärend. Das Kontersystem allerdings war noch nie gut und ist immer noch das gleiche: Zu Beginn einer gegnerischen Aktion, erscheint über unserem Kopf kurz die Anweisung R2 zu drücken, um den Move zu kontern. Mit ein bisschen Übung flutscht das Ganze auch gut. Neulingen wird aber schmerzhaft auffallen, dass die Einblendungen manchmal zu früh, zu spät oder gar nicht eingeblendet werden. Eigentlich muss man also die Animationen auswendig lernen und eigenständig ein Gefühl entwickeln.

Dazu kommen die zahlreichen Minispiele in einem Match: In der Collar&Elbow-Phase müssen wir Schere-Stein-Papier spielen, beim Chain-Wrestling ein anderes Minigame, bei Submissions wieder ein anderes, bei Pinfall-Versuchen müssen wir gutes Timing beweisen (ebenfalls Übungssache) und durch das neue Feature, dass wir Feinde aufheben und herumtragen können, kommt noch ein Buttonmashing-Spiel dazu. Bei speziellen Matcharten wie dem Rumble oder dem Leitermatch sind wieder andere Minispiele am Start.

Ein paar der Spiele sind ganz nett – ich wüsste zum Beispiel nicht, wie man die Pinfalls besser umsetzen könnte – insgesamt ist das Gameplay aber schlicht überfrachtet und für Neueinsteiger nicht geeignet. Will man gegen einen Kumpel spielen, muss man diesen schon einarbeiten. Und natürlich ist das Geschmackssache, aber: Sollte ein Wrestling-Spiel nicht irgendwie arcadiger sein und in erster Linie Spaß machen?

Veteranen hingegen freuen sich über die umfangreichen Möglichkeiten um Ring. Hat man die Einstiegshürde übersprungen, sind Multiplayer-Matches wie gesagt wahnsinnig unterhaltsam. Und dadurch, dass wir in WWE 2K18 unsere eigenen Matcharten basteln können, haben wir eine so große Auswahl wie nie zuvor mit Dutzenden Siegbedingungen mit denen wir herumspielen können.

Randy Orton in ganzer Pracht: Die Wrestler profitieren von der überarbeiteten Engine

Das Universum ist nicht genug!

Bezüglich Spielmodi hat bei WWE 2K18, wie schon im Jahr zuvor, Flaute eingesetzt. Mit der Streichung des Showcase-Modus, bei dem man legendäre Fehden und Karrieren nachspielen konnte, fiel mein Lieblingsmodus schon vor Jahren dem Rotstift zum Opfer. Stattdessen kann man sich nur noch zwischen Einzelmatches, dem Universe-Modus und dem Karrieremodus entscheiden, der runderneuert wurde.

Dank des riesigen Rosters (auch wenn die Gimmicks serientypisch auf Stand März 2017 sind) und den abwechslungsreichen Stipulations kann man mit den Einzelmatches viel Freude haben. Möchte man diese in eine Storyline einbauen, empfiehlt sich der Universe-Modus. Dieser hat sich im Vergleich zu WWE 2K17 nicht großartig verändert. Hier managen wir die Shows RAW und Smackdown!, legen Fehden, Allianzen und Titelkämpfe in Pay-Per-Views fest und bestimmen so die Geschicke des Brands. Nach Bedarf spielen wir die Matches entweder selbst aus oder simulieren das Geschehen. Zwar stehen uns mehr Story-Optionen zur Verfügung, aber wenn man ehrlich ist, muss sich der Großteil der Geschichte in eurer eigenen Fantasie abspielen, wenn ihr richtig Spaß haben wollt. Das liegt unter anderem auch daran, dass das Spiel nach wie vor keine Sprachausgabe hat und die Promos so unsäglich langweilig und repetitiv sind. Ich mag den Universe-Modus, das Hauptaugenmerk bei WWE 2K18 liegt jedoch auf den Karrieremodus…

In WWE 2K18 können bis zu 8 Kontrahenten gleichzeitig im Ring stehen!

Der Karriere-Modus: Ein totaler Reinfall

Anlässlich des missglückten Karrieremodus werde ich nun (noch!) weiter ausholen. Nicht um wie in den Jahren zuvor meine Zuneigung zum Wrestling zu rechtfertigen, sondern um euch zu erklären, warum ich für den Karrieremodus eine saftige Abwertung von WWE 2K18 für angemessen halte.

Vorweg: Wie immer schön dass der Modus dabei ist – selber einen Wrestler bauen und langsam aufsteigen. Wrestling ist hierfür prädestiniert, hat doch jeder Wrestler fast wie in Dragonball Z ein Powerlevel. So lässt sich ein schönes Ranking bauen, innerhalb dessen unser Kämpfer sich nach oben arbeitet: Langsam stärker werden, neue Moves freischalten, gegen stärkere Gegner kämpfen, Titel gewinnen, Titel verlieren und das große Comeback starten.

Dazu kommen die Möglichkeiten in der Narrative: Die Storymodi in NBA 2K, FIFA oder Madden NFL müssen sich immer ein wenig strecken um eine Geschichte erzählen zu können. Oft resultiert das in dramatischen Familiengeschichten oder dem Motiv „Verbündete werden zu Feinden“ oder eben andersrum. So oder so haben diese kleinen Kniffe aber kaum Auswirkungen auf das Gameplay. Ein Fußballspiel beispielsweise hat einfach nicht die nötigen Freiheitsgrade um während des Matches epische Geschichten über Verrat, Treue, Kampfgeist, Machtmissbrauch oder meinetwegen Liebe zu erzählen (natürlich abgesehen von Szenarien auf dem Feld der Marke „Solche Geschichten schreibt nur der Fußball!“.).

Wrestling hat das alles. Und das tollste: Der größte Kritikpunkt an dem ganzen Zirkus, nämlich „Lol, Wrestling is fake!“ ist in einer Videospielumsetzung substanzlos, da im WWE 2K Universum die Kämpfe eben „echte“ Kämpfe sind. Egal also was ihr von Wrestling im echten Leben haltet. Als Grundlage für ein Videospiel eignet es sich perfekt.

Aus diesen Gründen freue ich mich immer auf den Karrieremodus in den jährlichen WWE 2K-Installationen. Und dieses Jahr muss ich ganz ehrlich sagen: Meine Güte, ist das schlecht.

Der Silberstreif: Die Entrances sind größtenteils sehr gut gelungen

Nicht nur wird hier Potential ohne Ende verschwendet. Die Karriere ist einfach grauenhaft umgesetzt.  Zunächst einmal am Beispiel eines grundsätzlich netten Features: Wir dürfen mit unserem selbstgebastelten Wrestler nun auch vor und nach den Shows Backstage herumlaufen. Auf dem Papier fördert das die Immersion, gibt uns die Möglichkeit mit anderen Superstars ins Gespräch zu kommen und uns sogar Sidequests abzuholen und damit Lootboxen zu verdienen.

Praktisch bedeutet das jedoch: Jede Woche durch die exakt gleiche Kulisse laufen. In 3rd-Person darf man sich dabei eine der merkwürdigsten, wenn auch funkigsten Laufanimationen des Jahres anschauen. Generische, sich wiederholende Dialoge durchlesen (es gibt keine Sprachausgabe!). Nur in den dafür gescripteten Stellen reagieren die Wrestler dabei auf unsere Aktionen. Denn auch in einer vermeintlichen Blutsfehde mit Samoa Joe sagt er uns hinter den Kulissen, wie sehr er unsere Arbeitseinstellung verehrt.

Dazu macht es einfach mürbe sich bei jeder Show zunächst 20 Sekunden Ladebildschirm anzuschauen, dann den immer gleichen Weg zu unserem Produzenten zu laufen, der uns für den Tag anfeuert. Dann selber auf die Matchcard zu gucken. Dann folgt das immer gleiche und nicht abzubrechende Intro zu RAW und unser Match. Manchmal haben wir aber kein normales Match, sondern verprügeln aus Storygründen einfach nur einen anderen Dude auf der Rampe Richtung Ring für 20 Sekunden. Dann also wieder Ladezeit. Dann rennen wir zurück zum Parkplatz, wo wir unser Auto von einem Angestellten holen lassen. Ladezeit, und der Kreislauf beginnt wieder von vorne. Wenn man sich bei einem Wrestlingspiel nebenbei etwas zu lesen bereitlegen muss, ist das meist kein gutes Zeichen und hier könnt ihr nebenbei eure Steuererklärung machen.

Oh, aber da beginnt der Teufel erst an meinen Lenden zu knuspern. Die Karriere ist zudem völlig verbugged. Drei Wochen in Folge bekommen wir in Roman Reigns den gleichen Gegner im immer gleichen, normalen Match, was nicht extrem außergewöhnlich, aber doch ein wenig langweilig ist. Im Anschluss drängt uns die Handlung dazu, Sami Zayn zu überfallen. Gesagt getan. Zur Strafe, sagt uns das Management, müssen wir uns Reigns und Zayn gleichzeitig stellen. „Cool, mal was anderes“ denken wir, gehen in den Ring und haben aus keinem ersichtlichen Grund plötzlich stattdessen ein 2 vs. 2 Match gegen völlig andere Gegner! Zurück backstage gratuliert uns der Produzent dazu, Reigns und Zayn allein an die Wand geklatscht zu haben. HÄ!? Und das war leider nicht das einzige Mal, dass so etwas passierte.

Jetzt kommt das Allerbeste: Das war noch nicht alles! Von Zeit zu Zeit müsst ihr in den Matches bestimmte Ziele erfüllen um weiterzukommen. Scheitert ihr, müsst ihr den Kampf noch einmal spielen. Aufgaben wie: „Zeig ein 3 Sterne Match“, „Zeige 2 Finisher“ oder „Bring die Beine des Gegners in den roten Bereich“ sind kein Problem. An zwei Stellen in meiner Karriere waren die Aufgaben jedoch beinahe unmöglich.

An dieser Stelle SPOILER: Falls ihr Wert auf die generische Story des Karrieremodus legt, springt vor zum Fazit.

Die erste Mission Impossible hatte mit unklarer Aufgabenstellung zu tun: Ich musste das Money in the Bank Leitermatch gewinnen und dabei „die Leiter gegen einen Gegner einsetzen“. Ich gewann auch. Doch egal was ich tat, die zweite Aufgabe galt für mich als verloren. Denn mit „Leiter einsetzen“ war nicht gemeint „Schlag zu mit der Leiter!“, „Wirf jemanden von der Leiter“ oder „Befördere jemanden durch die Leiter!“ sondern „Zeige einen Finisher von der Leiter!“. Wer nicht von selber darauf kommt und den Skill bereits gekauft hat, oder wie ich das Match 20mal spielt, bis er zufällig das richtige Manöver gemacht UND den Kampf gewinnt, hat hier keine Chance.

Noch schlimmer wiegt der zweite Schnitzer: Da ich mich in der Story gegen das Management auflehnte, bekam ich die Quest den Royal Rumble von Startplatz 1 aus gewinnen zu müssen. Das ist fast unmöglich. Denn das bedeutet, dass ihr 29 andere Wrestler, die nach und nach in den Ring tröpfeln über das oberste Ringseil schmeißen müsst, ohne dass euch selbst dieses Schicksal wiederfährt. Das bedeutet: Wenn ihr in einer kritischen Situation auch nur einen Konter verpatzt, ist das Match gelaufen. Gleichzeitig müsst ihr die anderen rauswerfen ohne selbst gekontert zu werden. Für mich war der Rumble nur schaffbar, da es einen bestimmten Move gibt, den kein CPU-Wrestler in diesem Match kontern konnte. Statt also wie in den bisherigen Anläufen frustriert zu verlieren, machte ich 29-mal das exakt gleiche und gewann. Welch ein Spaß!

Fazit:

Wäre WWE 2K18 ein Wrestler, wäre es der Undertaker. Jemand, der sich Jahr für Jahr noch einmal in den Ring begibt, obwohl jeder sehen kann, dass er bereits völlig kaputt ist und den Absprung nicht geschafft hat. Wrestling-Liebhaber wie ich halten ihm die Treue, erinnern sich an die vielen großartigen Momente mit ihm und haben irgendwie Spaß. Doch auch wir wissen: Es ist Zeit die Karriere zu beenden.

WWE 2K18 schleppt ein veraltetes technisches Gerüst mit sich herum, das Jahr für Jahr aufpoliert wird, aber eigentlich eingerissen und neu aufgebaut werden müsste. Die KI ist doof, die Kommentatoren noch doofer, Sprachausgabe sucht man vergeblich, die Promos sind deswegen lahm und das Kampfsystem wird immer sperriger, unzugänglicher und benötigt ebenfalls dringend eine Frischzellenkur, für die Entwickler und Publisher jedoch keine Zeit haben, weil man im Jahreszyklus Ergebnisse vorweisen muss.

Gott weiß, 2K braucht dringend einen Neuanfang. Der Showcase-Modus – vermutlich der aufwändigste Modus – ist schon lange gestrichen worden und der Karrieremodus ist schlicht eine Frechheit. Hier haben überforderte Entwickler mit heißer Nadel etwas zusammengestrickt und anscheinend keine Zeit mehr gehabt, das Programmierte auf Fehler zu überprüfen. Denn hier gibt es keinen Spielfluss, manche Ziele sind hanebüchen und es gibt so krasse Schnitzer in der Geschichte, dass es schmerzt.

Ich schreibe das mit Schmerz in meinem Herzen. WWE 2K hat meine Sympathie und ich lege den Titel gerne zwischendurch ein – vor allem mit anderen WWE 2K18 Liebhabern auf der Couch kommen tolle Matches und Stimmung zustande. Nach wie vor ist es ein echt okayes Wrestlingspiel. Aber angesichts des spielerisches Stillstands und der Katastrophe, die sich Karrieremodus nennt, muss ich Bewertung von WWE 2K18 nach unten korrigieren. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als einen Reboot der Serie, das das Potential von Wrestlingspielen nutzt. Damit ich statt eines George Clooney in einem Plastikanzug endlich den Dark Knight bekomme, der irgendwo in der Franchise steckt.

Positiv

  • breites Roster, schöne Entrances
  • Lootboxen ohne Mikrotransaktionen
  • Create a Match kehrt zurück
  • Sehr unterhaltsame Matches gegen Kumpels

Negativ

  • katastrophaler Karrieremodus(!)
  • verbugged, technische Altlasten
  • lange Ladezeiten
  • schlechtes Kontersystem
  • fehlende Sprachausgabe
  • schlechte Kommentatoren
6.5