Das Studio Red Thread Games hat sich in der Vergangenheit einen Namen mit Dreamfall Chapters gemacht. Nun packen sie sich die kreativen Köpfe hinter The Longest Journey und The Secret World mit ins Boot und erzählen uns mit Draugen eine mystische Geschichte im Norwegen der 1920er Jahre. Wir haben uns das bilderbuch-schöne Abenteuer angeschaut und auf Herz und Nieren geprüft.

Wir schreiben das Jahr 1923. Der amerikanische Schriftsteller Edward Charles Harden reist mit seinem Mündel Lissie nach Norwegen, um seine Schwester Betty zu finden. Er hat einen Brief mit dem Hinweis bekommen, dass sich Betty in dem Dorf Graavik aufhalten soll. Also macht sich der Herr auf den langen Weg in das abgelegene Dörfchen hinter einem See am Ar*** der Welt.

Wie aus einem Bilderbuch

Das Spiel beginnt auf dem See vor Graavik. Wir sitzen mit Lissie in einem Boot und paddeln. Um uns herum ein großer See, hohe Berge mit Schneegipfeln und herbstliche bunte Wälder. Nein, das ist kein Gemälde von Kasper David Friedrich und auch kein Instagram-Foto mit den Hashtag #traveler und #globetrotter und #lifeisbeautiful, das ist Draugen. Die idyllischen Landschaften lassen einen dahinschmelzen. Jeder Blickwinkel ein tolles Bild. Das Spiel will nicht nur eine Geschichte erzählen, es will auch, dass wir die Umgebung erkunden und genießen. Da hilft es auch, dass Edward ein leidenschaftlicher Maler ist. Immer wieder treffen wir auf Orte, an denen wir Platz nehmen können. Edward zückt den Buntstift und die Kamera zeigt uns die schönsten Perspektiven der Landschaft.

Aber zurück zum eigentlichen Geschehen. Schnell wird klar, dass der komplette Ort verlassen ist. Kein Mensch weit und breit zu sehen. Teddy –so nennt Lissie Edward- kommt das Ganze ziemlich verdächtig vor. Die Gastgeber sind auch nicht da und die Fahne vor dem Haus hängt auf halbmast. Hier scheint etwas nicht zu stimmen. Die Haustür ist offen, wir gehen hinein, nach einer einmonatigen Reise bis nach Norwegen ist das auch verständlich. Im Haus entdeckt Edward eine Puppe mit dem Schal seiner Schwester. Ein Zeichen, dass sie an diesem Ort war oder vielleicht sogar noch ist. Edward wird hellhörig.

Ein ungleiches Paar

Wir beginnen am nächsten Tag den Ort zu inspizieren. Teddy glaubt, sogar einen Schatten gesehen zu haben. Sind sie doch nicht alleine? – Vielleicht sind die Einwohner einfach nur unsichtbar oder haben sich in Steine verwandelt. Das sind jedenfalls die Theorien von Lissie. Das quicklebendige Mündel, dessen richtiger Name Alice lautet, scheint in ihrer eigenen naiven Welt zu leben. Sie trollt herum, klettert auf Bäume und schlägt Räder. Sie lässt sich im Gegensatz zu Edward nicht so einfach beirren und hat für alle noch so obskuren Situationen eine Erklärung parat.

Edward auf der anderen Seite scheint besessen von der Idee zu sein, seine Schwester an diesem Ort zu finden. Die Vermutung liegt nach mehreren Hinweisen nahe. Wir finden auf der Insel zahlreiche Hinweise, was auf der Insel passiert sein muss. Von kriminellen Machenschaften, tragischen Schicksalsschlägen bis hin zu mystischen und übernatürlichen Ereignissen ist alles dabei. Das Spiel schafft es auf eine geschickte Weise, nicht zu viel zu verraten und keine eindeutigen Hinweise zu liefern. Wir tappen lange im Dunkeln.

Das Gameplay

Die Geschichte wird durch das ungleiche Duo geschickt erzählt. Die Dialoge und das Interagieren mit unserer Begleiterin leiten uns durch das Spiel und bringen mehr Dynamik in die sonst so leblosen Erkundungs-Adventures. Die Bewegungen von Lissie sind trotz Motion Capturing aber nicht perfekt. Sie steht oft nur da, schaut uns nicht richtig an und spielt ihren Dialog durch. Das ist deshalb schade, weil darunter die Immersion leiden kann. Was dagegen hilft: Weggucken! Sonst gibt es nicht viel zu beanstanden. Das Spiel ist je nach Vorliebe vielleicht zu einfach. Herausfordernde Rätsel oder Aufgaben gibt es im Prinzip keine. Der Schwerpunkt eines solchen Entdeckerspiels muss darauf aber auch nicht liegen, wenn die Geschichte spannend ist.

Übrigens sind Draugen -das stellt keinen Spoiler dar- im skandinavischen Volksglauben Tote, die in ihrem Grabhügel weiterleben (wikipedia) und können können eine große Bedrohung darstellen. In wie weit sich diese Information in dem Spiel wiederspiegelt, müsst ihr allerdings selbst herausfinden 😉

Fazit

Draugen ist einfach bildschön! Das Spiel schafft es, uns in seinen Bann zu ziehen. Die Geschichte braucht vielleicht ein bisschen, um in Fahrt zu kommen. Doch bekommen wir eine spannende und mit interessanten Wendungen gespickte Story erzählt. Neben der visuellen Schönheit sind besonders die beiden Charaktere hervorzuheben. Die Interaktionen miteinander und die fortlaufenden Dialoge geben dem Spiel sehr viel Tiefe und lassen Draugen von ähnlichen Spielen hervorheben. Ich kann jedem Gamer, der bzw. die gerne virtuelle Welten erkunden, auf storylastige Spiele stehen oder einfach Fan von Skandinavien sind Draugen
wärmstens empfehlen.